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Dieser Text ist ein Kapitel aus: Die Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR Es handelt sich hier um die Online-Veröffentlichung der gleichnamigen Magisterarbeit, erforscht und geschrieben von: Yoav Sapir, die Hebräische Universität Jerusalem, 2004-2006 Klicken Sie auf folgenden Link, um zur Hauptseite dieser Online-Veröffentlichung zu gelangen: http://ostdeutsche.judenfrage.googlepages.com Dort finden Sie ein kurzes Vorwort und ein umfassendes Inhaltsverzeichnis. Alle Kapitel stehen notabene auch im PDF-Format zur Verfügung (optisch lesbarer und mit Seitenzahlen versehen). © 2004-2006 Yoav Sapir, alle Rechte vorbehalten |
Was sind also die Resultate, die unsere »Deutungsmaschine« geliefert hat? Ausdrückliche Hinweise (im Allgemeinen) kommen verhältnismäßig häufig vor, werden jedoch fast ausschließlich von Nichtjuden ausgesprochen, und zwar von »unaufgeklärten« Nazis (aber manchmal auch von »einfachen« Antisemiten), sonst von orthodoxen, d.h. ebenfalls »unaufgeklärten« Juden, also stets von »bösen« Figuren, weshalb sie als verneinte ausdrückliche Hinweise gelten, die eine mögliche jüdische Identität zu untergraben suchen.[377] Die Judensterne erscheinen natürlich immer wieder, ja mehr als die ausdrücklichen Hinweise, und sind wohl unzählbar. Auch ihre Erscheinung als negative Zeichen bezweckt die Leugnung jeglicher jüdischer Identität durch die Zuordnung solch »unaufgeklärter« Denkweise (dass es »Juden« als solche überhaupt gäbe) zu den für verpönt gehaltenen »Faschisten«. Von den positiven Zeichen, geschweige denn von den tätigen, gibt es recht wenig, ja am wenigsten; die neutralen belegen dann den zweiten Platz, aber auch ihre Zahl ist sehr begrenz; die Leinwand beherrschen somit die negativen Zeichen, und zwar durch die vorerwähnten Judensterne.
Die jüdischen Figuren im Allgemeinen verstehen sich nicht als »Juden«, sondern es wird von bösen Figuren auf sie als solche hingewiesen. Hier muss man den Unterschied zwischen »keine Juden sein wollen« und »Nichtjuden sein wollen« beachten: Die meisten jüdischen Figuren, die kaum positive Zeichen anzeigen, wollen bloße Menschen, also einfach keine Juden sein. Daraus, dass sie keine besonderen Anzeichen anderer, grundsätzlich nichtjüdischer Gruppenzugehörigkeit (in nationaler oder religiöser Hinsicht etc.) zeigen, lässt sich folgern, dass sie sich nicht wünschen, gerade Nichtjuden zu sein, sondern sich damit begnügen, bloße Menschen zu sein, wobei sie sich bemerkenswerterweise meistenteils auch nicht zum Sozialismus bekennen.[378] Die als »Juden« gekennzeichneten Figuren bekennen sich (wenn man das so bezeichnen darf) meistens nicht freiwillig zum Judentum, sondern durch ein negatives Zeichen, wie etwa der Judenstern. Sie »erklären« ihre Zugehörigkeit zum Judentum nur deswegen, weil sie als solche von den Nazis bestimmt worden sind, also erst nachdem die Nazis der Gesellschaft die Anwesenheit des »Judentums«, oder vielmehr dessen, was die Nazis unter diesem Begriff verstehen, aufgenötigt haben. Es sind daher nicht die gewöhnlichen jüdischen Figuren, die abgesondert sein wollen, sondern böse Figuren – meistens »Faschisten«, manchmal aber auch ausgesprochen »jüdische« Juden –, welche irgendeine Vorstellung des »Juden« in ihren Köpfen pflegen und die betroffenen armseligen Menschen demzufolge als »Juden« ab- und auszugrenzen suchen. Darüber hinaus wird implizit behauptet, dass die Bezeichnung eines Menschen als Jude etwas Böses ist, was nur Nazis und ihnen Gleichgesinnte tun, also schon an sich eine verpönte, antisemitische, rassistische Äußerung bzw. Tat ist, die anständige und aufgeklärte (sozialistisch gesinnte) Menschen vermeiden sollen bzw. müssen.
Da nicht die Juden selbst, sondern die Nazis diejenigen sind, welche die Juden zu Opfer machen, d.h. den Juden das Opfersein aufzwingen, wird die Möglichkeit, dass es sich um ein Schicksal des Opferseins oder um ein dem Judentum selbst innewohnendes Problem handelt, aufs Strengste abgelehnt und ausgeschlossen. Stattdessen wird eine klare Unterscheidung zwischen dem Jüdisch- und dem Opfersein propagiert: Die jüdischen Opfer seien nicht aufgrund ihres Jüdischseins, sondern infolge des »Faschismus« zu Opfern geworden. Die Judenverfolgung, wie gewissermaßen schon das Jüdischsein an sich, ist daher kein Teil oder Folge der ohnehin abgestrittenen jüdischen Identität, sondern der nationalsozialistischen bzw. »faschistischen« Identität.
Interessanterweise gibt es keine wesentliche Entwicklung bezüglich der jüdischen Identität. Was für den ersten Film gilt, ist auch bei dem letzten richtig; selbst Bronsteins Kinder, der zur Wendezeit hergestellt worden ist, weist keine wahrhafte Abweichung vom »Dogma« auf.[379] Natürlich weicht die Zeichenquantität und -qualität in jedem einzelnen Film von den restlichen ab, nur gibt es fast keinen Film, dessen Abweichung so stark ist, um damit einen Ausnahmefall bilden zu können. Die einzigen Ausnahmen bilden in dieser Hinsicht der Spielfilm Levins Mühle (1979-80) und der Fernsehdreiteiler Hotel Polan und seine Gäste (1980-82), die aber einfach umgekehrt gestaltet sind und dasselbe Bild des Juden vermitteln, sodass es schließlich keine wahrhaften Ausnahmen gibt. Auf das ostdeutsche Bild des Juden scheinen auch die Schwankungen in der gesellschaftspolitischen Stimmung in der DDR (bspw. die kritische Welle nach dem Mauerbau bis zum 11. Plenum des ZK der SED) gar keinen Einfluss ausgeübt zu haben, was zur Folge hatte, dass keine anderen bzw. neuen Antworten auf »Wer und was sind die Juden?« während des langjährigen Bestehens der SBZ bzw. DDR gegeben wurden.
Wer sind also die »Juden«? Durch eine dafür geeignete Entspannungstechnik, nämlich durch den »jüdischen« Juden, wird die Religion beiseite geschoben, in einen goldenen Käfig eingesperrt und von der Gegenwart (geschweige denn die Zukunft) ausgeschlossen, was die restlichen, also die meisten jüdischen Figuren von den Erwartungen des Publikums, also vom Bedürfnis, ihr Jüdischsein irgendwie von sich selbst zum Ausdruck zu bringen, befreit und sie umso mehr als unjüdisch erscheinen lässt. Die Juden müssen zwischen orthodoxer Vergangenheit und assimilierter Zukunft wählen, denn andere jüdische Lebensrichtungen mit religiösem, kulturellem oder nationalem Inhalt kommen in der Regel gar nicht infrage, und wenn schon, dann aber nur um sie noch strenger abzulehnen als die religiöse Orthodoxie. Heutzutage, also nach der Befreiung von den Fesseln der Religion, ist die überwältigende Mehrheit der Juden bzw. der jüdischen Figuren nur deshalb »jüdisch«, weil es ihnen die Bösen aufzwingen. Somit sind sie nichts mehr als ganz gewöhnliche Menschen, die sich nunmehr genauso voneinander unterscheiden wie alle anderen auf Erden, nichts außer dem von anderen, den Bösen, erzwungenen Opfersein miteinander gemeinsam haben und vornehmlich keine »Juden« mehr zu sein brauchen oder gar sein wollen. Die im ostdeutschen Spielfilm gezeigte jüdische Gruppenidentität ist also, kurz gefasst, eine leere bzw. entleerte Identität.
Alles, was ich hier über die in den Filmen gezeigte jüdische Gruppenidentität sagen kann, hat die jüdische Vaterfigur in Bronsteins Kindern (1990-91) bei einer belehrenden, an den Sohn gerichteten Rede bereits in Worte gefasst:[380] »Du sollst wissen, dass es Juden überhaupt nicht gibt. Dies ist eine Erfindung. Ob eine gute oder schlechte, darüber kann man streiten, jedenfalls – eine erfolgreiche. Die Erfinder haben ihr Gerücht mit so viel Ausdauer, mit so viel Überzeugungskraft verbreitet, dass selbst die Betroffenen, die so genannten Juden, darauf reingefallen sind und wollen sich behaupten [sic!], Juden zu sein. Und das wieder macht die Erfindung umso glaubwürdiger, verleiht ihr eine gewisse Wirklichkeit, und [es] wird immer schwerer die Sache bis zu ihrem Anfang zurückzuverfolgen. Es ist von einem Brei aus Geschichte umgeben, den man mit Argumenten überhaupt nicht durchdringt. Am verwirrendsten ist, dass sich so viele Menschen in ihre Rolle als Juden nicht nur gefügt haben, sondern von ihr geradezu besessen sind. Sie werden sich bis zum letzten Atemzug dagegen wehren, wenn man ihnen diese Rolle wegnehmen würde…«
Wie am Anfang unserer Analyse erläutert,[381] muss der Jude unverkennbar als solcher, d.h. als Jude vorgestellt werden, um dabei als gewöhnlicher Mensch dargestellt werden zu können; sonst ginge die »Normalisierung«, d.h. die normalisierende Bedeutung der Darstellungsweise des Juden unbedingt völlig verloren. Trotz der Projizierung der Vorstellung vom Juden auf die ausgegrenzten Figuren – Nazis und Orthodoxe – kann und darf während des Films kein Zweifel darüber bestehen, dass die gewöhnliche Figur »tatsächlich« jüdisch ist. So müssen die gewöhnlichen jüdischen Figuren jüdisch und gewöhnlich zugleich bleiben, als jüdisch vorgestellt und als gewöhnlich dargestellt werden. Dieser Widerspruch bildet einen unausbleiblichen und unausweichlichen Grundzug der ostdeutschen Judendarstellung, eigentlich aber jeder »leugnenden Bezugnahme«, wie im Nachstehenden erklärt.
Dass die obige, Bronsteins Kindern entnommene Rede überhaupt stattfand – das will sagen: dass diese Botschaft überhaupt vermittelt werden musste (und das nach 40 Jahren DDR!) – zeugt nämlich umso mehr davon, dass das kantische Ding an sich, d.h. das begriffliche Judentum als kulturelle Grundlage des Abendlandes,[382] keineswegs zu beseitigen, sondern höchstens nur anders (sei es auch mit einer abstreitenden Undefinition) zu bestimmen ist.[383] Schon deswegen, weil jüdische Figuren, also Juden – selbst »unjüdische«, geschweige denn »jüdische« Juden – auf die filmische Bühne treten, und zwar ausgesprochen als solche, d.h. als Juden, gibt es den »Juden«. Es ist nämlich unbedingt unmöglich, das Vorhandensein des Juden als solchen gerade durch ein und dasselbe Mittel zu leugnen, welches den Juden als solchen immer wieder vergegenwärtigt.
Der sich in unserem Quellenmaterial bekundende Versuch, die jüdische Gruppenidentität abzustreiten, ist bzw. war mithin von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil schon die abstreitende Bezugnahme an sich, d.h. die Charakterisierung der Zugehörigkeit zur jüdischen Gruppe als grundsätzlich bedeutungslos, tatsächlich eine Art Vorstellung des Judentums war und daher eine bestimmte jüdische Identität bildete.[384] Weil jegliche Gruppenidentität schließlich nur noch ein Stück »fiktiver«, d.h. gedanklicher Wirklichkeit ist,[385] ist es eben die bloße Bezugnahme (sei es eine Bestätigung oder eine Leugnung), welche das gedankliche, also in dieser Hinsicht eigentliche Vorhandensein der jeweiligen Identität festigt, auf die bezogen wird. Die entleerte jüdische Identität hörte daher nicht auf und konnte auch nicht aufhören, sich doch als eine Art jüdischer Identität auszuwirken und das gedankliche Vorhandensein des physisch geleugneten Juden scheinbar paradoxerweise nur weiter zu vertiefen.
Das ist also die Schlussfolgerung aus unserer Quellenanalyse, auf welche bereits die Zusammensetzung der besonderen Bedeutung des Juden für die DDR hinweist. Der hier herausgearbeiteten Aussagekraft des ostdeutschen Spielfilms hinsichtlich der dort propagierten jüdischen Gruppenidentität sollen aber die Ergebnisse künftiger Erforschungen der Rezeptionsgeschichte unseres Quellenmaterials gegenübergestellt werden.[386]
Im Grunde genommen lässt sich die Erklärung in zwei Teile teilen, nämlich in (negative) Ursachen, also warum ausgerechnet diese jüdische Gruppenidentität für das SED-Regime die einzig mögliche war, und in (positive) Zwecke, d.h. was für Nutzen die DDR aus dieser Darstellungsweise des Juden zog.
Von den Gründen gibt es mehrere: Erstens war eine ontologisch unterscheidende Auffassung des Juden schon aus ideologischen Gründen unmöglich. In dieser Hinsicht fungierten die Juden als Musterbeispiel für die sozialistische Weltanschauung, was zur Folge hatte, dass sich ihre Behandlung im Allgemeinen sowie ihre Darstellungsweise im Besonderen mit peinlichster Genauigkeit an die ideologischen Vorschriften halten mussten. Daraufhin stand das ostdeutsche Bild des Juden im Einklang mit der sozialistischen, streng assimilatorischen Idealvorstellung vom Juden. Des Weiteren soll im Sozialismus auch gar kein sozioökonomisches Bedürfnis nach dem »Juden« entstehen.[387]
Zweitens schloss das geschichtliche Selbstverständnis der DDR eine unterscheidende Betrachtungsweise des Juden aus, denn es waren die »Faschisten« gewesen, die den Juden als den Anderen schlechthin bestimmt hatten, und die DDR, das »neue Deutschland«, sollte ja die Antithese des »deutschen Faschismus« sein, musste also auf eine Integration der Juden als keiner Gruppe an sich, sondern ausschließlich als Einzelpersonen in die Gesellschaft abzielen.
Drittens war eine unterscheidende Auffassung des Judentums angesichts der seinerzeitigen politischen Lage innerhalb »Deutschlands« kaum annehmbar, ja durchaus unzulässig, weil die BRD, wo die »Faschisten« die Herrschaft noch immer innegehabt hätten, den modernen Staat Israels und die Jewish Claims Conference im Rahmen des Luxemburger Abkommens 1952 als jeweilige Vertreter des (Welt-)Judentums anerkannte[388] und dazu noch diplomatische Beziehungen mit diesem staatlichen Ausdruck des jüdischen Nationalismus[389] aufnahm; somit verewigte der vornehmste und unerbittliche Gegner des SED-Regimes die angeblich unaufgeklärte Bestimmung dieser Menschen als »Juden«, also als eine Gruppe an sich, denen bzw. der man – feindlich oder wohlwollend, jedenfalls schlicht – gegenüberstehen muss. Angesichts dessen musste die DDR natürlich die »aufgeklärte« Alternative zur bundesdeutschen »Dunkelheit« darstellen und sich einer unterscheidenden Behandlungs- und Betrachtungsweise der Juden, die ja nur ganz gewöhnliche Menschen sein sollten, enthalten, sie also nicht als eine unterschiedliche Gruppe von allen anderen trennen sowie – natürlicherweise im Gegensatz zur BRD – keinen Staat anerkennen, der besonders für diese Menschen als »Juden« bestimmt ist, nach ihrer Sonderung strebt und nichts mehr, nichts anderes sein soll als eine freiwillige, diesmal gewalttätige Wiedergeburt des alten Ghettos.
Viertens musste die DDR über den deutsch-deutschen Zwiespalt hinaus auch dem modernen jüdischen Nationalismus in Palästina an sich,[390] der sich infolge des Luxemburger Abkommens und verschärft nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der BRD (1965) und dem Sieg im Sechs-Tage-Kriege (1967) als weiterer Spross des »faschistischen Imperialismus« erwiesen habe, eine »aufgeklärte« Alternative gegenüberstellen, indem sie die Nichtverschiedenheit der Juden als Gruppe filmkünstlerisch propagierte: Ihre Religion sei, wie alle anderen, Opium für das Volk, ihr Nationalismus, wie alle anderen, führe zum Faschismus hin und ihre (säkulare) Kultur wohne der europäischen inne.
Aus den obigen Gründen durfte also nur eine leere bzw. entleerte jüdische Identität, die jedwede eigentliche, d.h. unterschiedliche jüdische Identität tatsächlich abstreitet, dem ostdeutschen Publikum gezeigt werden.
Über die Ursachen hinaus, welche die von uns herausgearbeitete jüdische Identität zur für das SED-Regime einzig möglichen machten, soll auch erklärt werden, was für Vorzüge eine derartige Darstellung des Juden diesem Regime bieten konnte.
Als Erstes muss darauf hingewiesen werden, dass der am Anfang dieser Arbeit dargelegte Widerspruch zwischen den beiden ostdeutschen Rollen der Juden – einerseits eine positive als »Opfer des Faschismus«, andererseits eine negative als »faschistische Hebräer« – durch diese Darstellungsweise gelöst wurde bzw. werden konnte:[391] Wenn die Juden als solche keine eigentliche Gruppenidentität haben und daher auch keine unterschiedliche Gruppe bilden, vermögen der Zionismus und seine Beziehungen zu Bonn der Rolle der Juden als Opfer des Faschismus im Rahmen des antifaschistischen Gründungsnarratives der DDR nicht mehr zu widersprechen. In beiden Fällen handelt es sich um ganz gewöhnliche Menschen: Diejenigen, die unter den Nazis gelitten haben, wollten ja von vorneherein gar keine Juden sein, sondern mussten die ihnen aufgezwungenen, letztlich aber nationalsozialistischen Vorstellungen des »Judentums« erleiden. Das gleiche gilt auch für die zeitgenössischen Besatzer Palästinas, die ebenfalls nur Menschen sind und eine ausbeuterische und grausame Weltanschauung aus genauso selbstsüchtigen Gründen befürworten wie die Bonner Faschisten. Die Zuordnung der Opfer des Faschismus zur richtigen, d.h. sozialistischen Seite beim weltanschaulichen Kampf braucht folglich ebenso geringen Einfluss auf die feindselige Haltung der DDR gegenüber der Achse Bonn-Jerusalem auszuüben wie die zionistische Kolonialausbeutung Palästinas auf die Aneignung der jüdischen Opfer der NS-Herrschaft zugunsten des antifaschistischen Gründungsnarratives. Diese (möglicherweise nur scheinbare) Lösung der ostdeutschen Judenfrage rührt schließlich daher, dass die Menschen in beiden Fällen, also die damaligen Opfer und die zeitgenössischen Täter, denen nichts Besonderes gemeinsam sei, keine (jüdische) Obergruppe umschließt.
Ferner wurde das Judentum durch seine »Auflösung« in eine dem SED-Regime dienliche Stellung gebracht. In der DDR erfreuten sich nämlich die meisten Juden, die ja Überlebende der NS-Herrschaft waren, der amtlichen Rechtsstellung von »Opfern des Faschismus«.[392] Da aber die vornehmsten Opfer der Faschisten eigentlich ganz gewöhnliche Menschen sein sollten, wurde das Haager (1907) bzw. Nürnberger (1946) (allerdings von Anfang an falsch ins Deutsche übersetzte) »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« endlich zum Verbrechen gegen die Menschheit. So wurde auch der Holocaust aus einem unlauteren Lebenskampf zwischen zwei separatistischen Gruppen – Nationalsozialisten und Juden[393] – verallgemeinert zu einer Art ideologischen Bürgerkrieges zwischen Faschisten und Menschen, d.h. schließlich zwischen Faschisten und Antifaschisten, also möglichen sowie tatsächlichen Sozialisten bzw. Kommunisten. Es war mithin die »Auflösung« des Judentums, welche die erwünschte Aneignung der nationalsozialistischen Judenverfolgung und -vernichtung zugunsten des antifaschistischen Gründungsnarratives der DDR ermöglichte.
Weiters soll man sich überlegen, ob der Versuch, das Vorhandensein des Judentums als solchen zu leugnen, nicht doch auch aus dem Wunsch hervorging, die Last der Vergangenheit abzuschaffen,[394] indem die unterschiedliche Identität der vornehmsten Opfer verallgemeinert wurde. Schließlich kann es, wenn es keine Opfer gibt, auch keine Täter geben. Scheinbar muss diese Vermutung abgelehnt werden, weil der Holocaust, wie wir gesehen haben, in den Filmen nicht verschwiegen, sondern verhältnismäßig gründlich dargestellt wurde[395] und sich zudem sehr günstig als Rammbock beim argumentativen Kampf gegen den »Faschismus« auswirken konnte. Tatsächlich aber haben diese Einwände nur für den sozialistischen Aspekt des SED-Regimes Geltung. Der anderen, d.h. der deutschen Seite, konnte der Holocaust nämlich sehr abträglich sein; Um sich aber als die moralische, weil »aufgeklärte« Alternative zur BRD, kurzum als das neue, bessere Deutschland vorstellen zu können, durfte das SED-Regime seine nationale Zugehörigkeit keineswegs beiseite schieben, selbst wenn so etwas möglich gewesen wäre. Vor diesem Hintergrund wird also dieser zusätzliche Vorzug, d.h. diese weitere Erklärungsmöglichkeit wahrscheinlicher, zumal sie im Einklang mit dem seinerzeit im Ostblock herrschenden Narrativ der SED steht, laut dem die Deutschen die ersten Opfer des »Hitlerfaschismus« gewesen seien und welches ein und demselben Zweck diente, nämlich die Last der Vergangenheit abzuschaffen, indem die ganz menschlichen Täter dadurch zu einem ungreifbaren Abstraktum wurden.[396]
Die ganze vorliegende These vom ostdeutschen Bild des Juden wird eigentlich in den Worten des Juden Jakob Dankowitz am Ende des dritten Teils der Bilder des Zeugen Schattmann (1971-72) zusammengefasst, der als Überlebender, also Vertreter der Holocaustgeneration, die beiden Antworten – die leere jüdische Identität und deren mit den politisch-ideologischen Umständen zusammenhängende Erklärung – während eines Gesprächs zum Ausdruck bringt, welches seine Figur 1962 in München mit einem ehemaligen Nazi führt. Sie besprechen die Schuld- und Verantwortungsfrage der Deutschen bzw. der BRD, wenn der Altnazi sagt: »Wir tun doch wirklich was wir können. Denken Sie nun nur mal an Ihre Glaubensgenossen in