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Dieser Text ist ein Kapitel aus: Die Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR Es handelt sich hier um die Online-Veröffentlichung der gleichnamigen Magisterarbeit, erforscht und geschrieben von: Yoav Sapir, die Hebräische Universität Jerusalem, 2004-2006 Klicken Sie auf folgenden Link, um zur Hauptseite dieser Online-Veröffentlichung zu gelangen: http://ostdeutsche.judenfrage.googlepages.com Dort finden Sie ein kurzes Vorwort und ein umfassendes Inhaltsverzeichnis. Alle Kapitel stehen notabene auch im PDF-Format zur Verfügung (optisch lesbarer und mit Seitenzahlen versehen). © 2004-2006 Yoav Sapir, alle Rechte vorbehalten |
Die folgenden Querschnittsbeobachtungen haben zwar wenig mit der vorgeschlagenen Forschungsmethode zu tun, sind aber m. M. n. interessant genug, um den Lesern mitgeteilt zu werden. Zudem bieten sie die Möglichkeit, besser mit den Filmen vertraut zu werden, was naturgemäß zum ebenso besseren Verständnis der vorliegenden These verhelfen soll.
Die bedeutendste und wirksamste Art und Weise, auf welche die jüdische Andersartigkeit beseitigt wird, ist die zusammengedrängte Figur des »jüdischen« Juden.[326] Es ist für uns ganz egal, ob es eine jüdische Andersartigkeit »wirklich« gibt;[327] wichtig ist nur, dass eine Andersartigkeit wenigstens gedanklich, also als Thema im besagten kulturellen Raum besteht. Das wurde anscheinend auch bei der DEFA bzw. in der SED verstanden und sollte auf die in so gut wie allen Filmen wiederkehrende Figur des »jüdischen« Juden gelenkt und somit entsorgt werden.
Im Grunde genommen unterscheidet sich der »jüdische« Jude, der übrigens kaum in weiblicher Form auftritt, dadurch von den restlichen jüdischen Figuren, dass er weit mehr jüdische Zeichen zeigt als die anderen. Diese Zeichen stammen weitgehend aus der Tradition, vor allem der Religion bzw. der Orthodoxie. Der »jüdische« Jude sieht also religiös aus, trägt eine Jarmulke, will oder führt religiöse Rituale auch tatsächlich durch usw. usf. Am wichtigsten ist, dass es sich bei seinem Verkehr mit den restlichen Figuren gewöhnlich um Religiöses, Traditionelles oder kurz Veraltetes handelt, sodass seine Rolle in der Filmhandlung eher nachrangig und nebensächlich bleibt und keinen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der Erzählung ausübt.
Manchmal werden Stereotype auf den »jüdischen« Juden gelenkt, wie die scheinbare Geldobsession der orthodoxen Großeltern im ersten Teil von Hotel Polan und seine Gäste (1980-82). Typisch »jüdische« Redeweise und Gebärden sowie jiddischer Unterton tauchen ebenfalls bei dieser Figur auf (wie etwa beim Rabbiner im zweiten Teil von Hotel Polan und seine Gäste),[328] wobei es dazu in Jakob dem Lügner ausnahmsweise zwei Figuren gibt, nämlich Herschel zur Vertretung der religiösen Eigentümlichkeit der Juden und Kowalski zur Darstellung der scheinbar typisch jüdischen Verhaltens- und Redeweise. Jedenfalls gehört der »jüdische« Jude den abgelehnten »bösen«, weil unaufgeklärten Figuren an, wie schon früher erklärt.[329]
Damit die fast apriorischen Erwartungen des Publikums, welches eine Realisierung der durchgängigen Vorstellung eines »echten«, d.h. »jüdischen« Juden sucht, der erwünschten, weil erzieherischen Aufnahme des neuen Juden als eines ganz gewöhnlichen Menschen nicht im Wege stehen, muss eine dafür geeignete Entspannung zuerst erzielt werden. Genau diesem Zwecke dient die Figur des »jüdischen« Juden, die daher auch keine bedeutende Rolle in der Handlung zu spielen braucht. In manchen Filmen begnügt sie sich mit einem kurzen Auftritt, der aber verhältnismäßig früh stattfinden muss, damit sich die Zuschauerschaft am erwarteten Juden sättigt und zur Aufnahme des Neuen und Unbekannten bereit sein könnte.
Zudem wird durch diese Entspannungstechnik auch das Problem der gewissermaßen unwiderlegbaren jüdischen Abgesondertheit gelöst – sowohl die den Juden von den Nazis aufgedrängte als auch die von den Juden selbst bezweckte, denn beidem sei die Unaufgeklärtheit gemeinsam. Dass es auch (selbst ausgegrenzte) »jüdische« Juden gibt bzw. gegeben hat, suggeriert nämlich, dass die »Faschisten« die Juden deswegen haben absondern können, weil die Juden sich selbst vom Rest haben absondern wollen, also bei ihrer Umgebung den Eindruck erweckt haben, dass sie sich von den restlichen unterscheiden. So werden der Faschismus und die religiöse Orthodoxie miteinander verknüpft und als »unaufgeklärt« in Abrede gestellt. Von diesem Blickpunkt aus scheinen die Juden gewissermaßen selber schuld (gewesen) zu sein, wenn sie ihre »dunkle« Orthodoxie vor der sozialistischen Aufklärung bevorzug(t)en. Dadurch lässt sich eine Entspannung im weiteren Sinne, nämlich eine Entlastung der persönlichen Vergangenheit des jeweiligen Zuschauers im Besonderen und der aus Ruinen auferstandenen neuen deutschen Gesellschaft im Allgemeinen vollziehen,[330] wenn dieses Ziel auch nicht ausdrücklich formuliert werden darf. Interessanterweise kommt der »jüdische« Jude noch immer in deutschen Spielfilmen vor, wie etwa im jüngst hergestellten Alles auf Zucker! (Dani Levy, 2004-5).
Einen interessanten Ausnahmefall, welcher die obige Regel immerhin nur bestätigt, bildet der Fernsehdreiteiler Hotel Polan und seine Gäste (1980-82), wo die meisten Juden mehr oder weniger orthodox-religiös sind. In diesem Bildungsroman wächst der Protagonist, Peter Samuel, selbstverständlich aus der Dunkelheit der umgebenden Orthodoxie heraus. Anstatt dass der außergewöhnliche und veraltete, inmitten der unjüdischen Gegenwartsjuden befindliche Jude aus der Vergangenheit hervorragt und somit die Ausnahme bildet, gibt es in diesem Mehrteiler die umgekehrte Lage, wo sich einen Gegenwartsjuden allmählich aufklärt und seiner veralteten Umgebung den Rücken kehrt. Sowohl so als auch so bildet die Orthodoxie, selbst wenn sie sehr auffällig dargestellt wird, die – ob durch die bloße Mehrheit der Figuren oder, wie im hiesigen Fall, durch den Protagonisten – abgelehnte Vergangenheit. Darüber hinaus gilt das umso mehr beim Letzteren, wo das Gewicht der fehlenden Mehrheit durch den noch wirksameren Kampf des Protagonisten, der alleine unjüdisch ist bzw. wird, gegen die unaufgeklärte Umgebung verstärkend ersetzt wird. So hat auch die umgekehrte Darstellungsweise immerhin das gleiche entspannende Endergebnis.
Ähnlich geht es mit der Darstellungsweise des scheinbar religiösen Protagonisten in Levins Mühle (1979-80), wo sich die Handlung im späten 19. Jahrhundert in einem preußischen Dorf abspielt, dessen deutscher Müller die Mühle des jüdischen Konkurrenten zerstört. Den seinerzeitigen Voraussetzungen bei den Landjuden gemäß, sieht Levin orthodox aus: Jarmulke, Schläfenlocken, Kleidung – und natürlich auch die immer wiederkehrende Menorah[331]. Was aber sein eigentliches Leben belangt, so hat er eine nichtjüdische Gefährtin (dazu auch eine Zigeunerin); ihretwegen verlässt er auch sein Elternhaus, in welches er aus dem Dorfe geflohen ist, da seine Eltern die Beziehung nicht billigen. Zudem ist er Handarbeiter, was im Film auch ausdrücklich betont wird, wenn eine der deutschen Dorfbewohner ihr Zeugnis vor Gericht ablegt. Im Gegensatz zu seinem bärtigen Vater, dem »jüdischen« Juden dieses Filmes, spricht er nicht mit jiddischem Unterton, lernt er nicht Thorah, zeigt ja gar keine tätigen Zeichen. Alles, was an Levin als jüdisch gilt, ist sinnbildlich, und nur dazu bestimmt, den seinerzeitigen gesellschaftlichen Voraussetzungen der Landjuden gerecht zu werden. Beiden Werken – Levins Mühle und Hotel Polan – ist folglich gemeinsam, dass die übliche Bejahung der Assimilation durch eine ebenso zweckmäßige Verneinung der Tradition ersetzt wird,[332] dass also der »jüdische« Jude, der in der Regel am Rande der (un-)jüdischen Gesellschaft steht und diese eben somit als gewöhnlich erscheinen lässt, in diesen beiden Werken durch einen als verhältnismäßig gewöhnlich gestalteten Protagonisten ersetzt wird, welcher der umgebenden herkömmlichen Gesellschaft den Rücken kehrt.
Eine unterschiedliche jüdische Identität kann bzw. konnte im besagten kulturellen Raume in drei Hinsichten zum Ausdruck kommen, die sich freilich überlappen mögen: gläubig-religiös (nach dieser oder jener Strömung), kulturell (der »Bund«, Dubnow, der junge S. H. Bergmann) und national (Zionismus). Die beiden letzten Möglichkeiten sind relativ jung und daher noch arm an eigenartigen, selbstständigen jüdischen kulturellen (im weiteren Sinne) Gehalten. So finden sie sich von vorneherein gegenüber der langen und erfahrungsreichen Vergangenheit des religiösen Judentums im Allgemeinen und der rabbinischen Hauptströmung (im besagten kulturellen Raum) im Besonderen weit im Nachteil.
Dieses Verhältnis zwischen den vorstehenden Selbstbestimmungsmöglichkeiten rührt davon her, dass alle Versuche, Alternative zur religiösen jüdischen Lebensweise zu entwickeln, erstens keine unterschiedliche und selbstständige, jedoch zum Überleben ausreichend tief verwurzelte jüdische Kultur (geschweige denn eine säkulare und dennoch unrassistische Bestimmung des Juden) haben schaffen können und zweitens über kurz (Bund) oder lang (Zionismus) gescheitert sind. Manchmal ist Ersteres die Ursache für Letzteres (bspw. im Zionismus), in anderen Fällen umgekehrt (so anscheinend im Fall des jiddischistischen Bundes); wichtig ist hier jedenfalls nur, dass diese aus verschiedenen Gründen gescheiterten Versuche von vorneherein als keine ebenso oder gar ähnlich tiefen Quellen jüdischen kulturellen Inhalts (und daher: jüdischer Zeichen) fungieren können. Selbst die verschiedenen religiösen Alternativen zur rabbinischen Orthodoxie (im weiteren Sinne) haben sich bisher nicht durchsetzen können, wie uns z. B. die demographische Lage der Karäer oder des nord- bzw. US-amerikanischen Reformjudentums zeigt, was die Entstehung einer von der orthodox-rabbinischen Tradition unabhängigen und dennoch eigenständigen jüdischen Kultur verhindert.
Nun ist vom sozialistischen Blickpunkt aus die Einführung der von vorneherein verachteten Religion sowieso die beste, weil bekannteste und im Allgemeinen meist geübte Weise, um den jüdischen Separatismus als solchen aufs Strengste zu verurteilen. Eine Beschränkung der Möglichkeiten, die den jüdischen Figuren geboten werden, auf die Wahl zwischen säkularer bzw. sozialistischer Aufklärung und orthodox-religiösem Verhängnis vereinfacht die Bewältigung der Judenfrage und, was noch wichtiger ist, verhindert die Bewältigung zeitgenössischer Herausforderungen, wie die damals erfolgreich erscheinende Erfüllung des Zionismus im Lande Israels. So gab es in der DDR ein klares politisch-ideologisches Interesse an der Verdrängung des Zionismus aus der filmischen Traumwelt,[333] was zugleich auch im Einklang mit den ideologischen Vorschriften stand.[334] Genau aus diesem Grunde lohnt es sich – trotz der nahezu apriorischen Unterlegenheit des Zionismus als Darstellungsmöglichkeit jüdischer Identität –, die Art und Weise zu untersuchen, auf welche er doch zum Ausdruck kommt.
In lebender Ware (1966) wurden die Ereignisse des Sommers 1944 in Budapest kaum ein Jahrzehnt nach der Ermordung Israel Rudolf (Rezsö) Kasztners in Tel-Aviv auch in der DDR aufgegriffen, wobei die Beziehungen zwischen Kasztner, dem zionistischen Gemeindeführer, einerseits und Kurt Andreas Ernst Becher, dem SS-Obersturmbannführer, andererseits von einem unverkennbar sozialistischen Gesichtspunkt aus dargestellt werden. Nur lässt sich im Film, obwohl Kasztner mit dem hochrangigen SS-Offizier gleichgesetzt wird, kaum ein Hinweis auf Kasztners politische Angehörigkeit zum Zionismus finden, was uns mit gutem Grunde überraschen sollte, bietet sich hier doch eine für die sozialistische Sache unübertrefflich geeignete Gelegenheit, ihren zu gleicher Zeit sowohl antifaschistischen als auch antizionistischen Standpunkt wohl begründet zu manifestieren. Dieser wesentliche Umstand in Kasztners politischem Leben, der dem Publikum nicht ausdrücklich mitgeteilt wird, steht somit im Grunde genommen eher hinter den Kulissen und kann daher von uns recht begrenzt berücksichtigt werden. Nur eine Stelle habe ich ausfindig machen können, wo auf diesen Umstand angespielt wird, nämlich die Schlussszene, in der Becher Folgendes zu Kasztner spricht: »Ich schaffe Sie rechtzeitig in die Schweiz, von da können Sie ihre Verbindungen nach Palästina spielen lassen.«
Die drei abschließenden Zwischentiteln zum jeweiligen Geschick Eichmanns, Kasztners und Bechers scheinen aber etwas erhellendes Licht auf diese Sache zu werfen: »Adolf Eichmann – 1962 in Jerusalem zum Tode verurteilt und gehängt. / Dr. Rezsö Kastner – 1945 in Ungarn als Kriegsverbrecher verurteilt, 1957 in Jerusalem[335] auf offener Straße erschossen. / Kurt Andreas Becher – Januar 1945 zum SS-Standartenführer befördert, lebt heute in Bremen, Schwachhauser Heerstraße 180, Privatvermögen 150 Mill. DM« Dass Kasztner mittendrin zwischen die beiden SS-Kommandanten hingestellt ist, vermag den eben davor bei den Zuschauern aufgestiegenen Verdacht, dass er den wirklich Bösen, also dem Zionismus angehöre, nur zu verstärken, selbst wenn einer der beiden Altnazis gerade von den Zionisten hingerichtet worden ist. Wir werden noch ersehen, wie eng der deutsche Faschismus und der hebräische Zionismus miteinander verknüpft werden[336] – oder mit den Worten der Figur Bechers: »Lieber Kasztner, wir sitzen beide im selben Kahn. Und der fängt an zu schaukeln. Wenn Sie reden, werde ich nicht stumm bleiben.« Die Auslassung einer ausdrücklichen Erklärung über Kasztners politische Angehörigkeit zum Zionismus während des ganzen Films rührt also womöglich daher, dass es dem ostdeutschen Publikum – als der Zionismus auf diese Weise in den alltäglichen Medien vergegenwärtigt, d.h. als »faschistisch« beschrieben wurde – vielleicht selbstverständlich gewesen sein sollte, dass ein Jude, der mit den »Faschisten« gemeinsame Sache macht, zionistisch gesinnt sein muss; dass Kasztners Angehörigkeit zum Zionismus nicht völlig ausgelassen wurde, sondern gerade in der wichtigsten Szene des Films als eine Art Bestätigung angedeutet wird, weist auf diese Deutungsmöglichkeit hin. Des Weiteren wird die kontrafaktische Alternative, d.h. die Möglichkeit zum Widerstand, mehrmals im Film erwähnt, aber immer wieder setzt sich Kasztner (d.h. seine Figur) dieser Alternative entgegen, was dem ostdeutschen Publikum wahrscheinlich näher bringen sollte, dass Kasztners Zusammenarbeit mit dem »Faschismus« nicht die einzige Möglichkeit gewesen sei, also dass seiner vom kontrafaktischen Gesichtspunkt aus folgenschweren Handlungsweise andere, möglicherweise ideologische Beweggründe zugrunde gelegen seien.
In Jakob dem Lügner (1974), der ja nach dem Sechs-Tage-Kriege hergestellt worden ist, hat der Zionismus einen bereits weit klareren Auftritt: Jakob und Lina sind einige furchterregende »Muskeljuden« von hoher Gestalt begegnet. Jakob, der gute Protagonist, entfernt Lina aus ihrer Reichweite und versucht durch die Straße selbst durchzugehen, wo er von diesen aber behindert und aufdringlich danach gefragt wird, ob das Gerücht wahr ist, dass ein jüdischer Staat gegründet werden soll. Weiteres gibt es zum Thema nicht. Wie im vorigen Beispiel, ist die negative Beurteilung des Zionismus klar manifestiert, während noch immer nicht ausdrücklich auf den Zionismus hingewiesen werden darf.
Erst im Fernsehdreiteiler Hotel Polan und seine Gäste (1980-82), dem uns schon bekannten, umgekehrt gestalteten Ausnahmefall, der aber die Regel dadurch nur bestätigt,[337] ist dem Zionismus ein echter Auftritt in der Rolle der alternativen jüdischen Lebensweise erlaubt. Im zweiten Teil verliebt sich Peter Samuel, der sich dem kommunistischen Sozialismus immer mehr annähernden Protagonist, in Chanah, die aber aus einer zionistischen Familie stammt. Eines Nachmittags verführt sie ihn in einen Hinterhalt, dessen eigentlicher Bedeutung sie sich nicht ganz bewusst ist, haben ihr ihre zionistischen Bekannten doch nur ein friedliches Gespräch von Mann zu Mann versprochen.
Anfangs stellen sich ihm die jungen Zionisten verhältnismäßig höflich, also noch nicht ganz brutal vor: Es werden dabei Maccabi, Blau-Weiß und Poalei-Zion vertreten, sogar Agudas-Jisroel wird bei diesem Versuch, eine Gesamtdarstellung des Zionismus zu erzielen, aus irgendeinem Grunde eingeschlossen; ein fünfter ist dorthin aus einem palästinensischen Kibbuz gekommen. Sie werfen ihm vor, mit den »Gojim«, den Kommunisten und Bolschewiken, gemeinsame Sache zu machen, und versuchen ihn davon zu überzeugen, dass er sich seinesgleichen, d.h. den Juden, anschließen sollte. Aber Peter Samuel interessiert sich nicht für ihren »jüdischen Sozialismus«, und nachdem die »Chawerim«, die eine Neigung zur Gewalt allerdings ganz von Anfang an gezeigt haben, daran gescheitert sind, ihn für die jüdische separatistische Sache zu gewinnen, beginnen sie eine Schlägerei, woraufhin sie hinter dem vor ihnen fliehenden Peter Samuel herjagen. Das alles führt dann unmittelbar zum oben schon erwähnten Austritt Peter Samuels aus der jüdischen Gemeinde.
Am Ende dieses Bildungsromans, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, entscheidet sich Peter Samuel für Europa und den universellen Sozialismus. Indem er im letzten Augenblick aus dem Rettungszug springt, verzichtet er auf Chanah und ihre zionistische Realitätsflucht. Im letzten Jahrzehnt des Bestehens der DDR wird also eine Auseinandersetzung mit dieser Alternative zur jüdischen Orthodoxie erstmals salonfähig; vielleicht wird eben dazu Agudas-Jisroel mit einbezogen, nämlich um anzudeuten, dass Zionismus und Orthodoxie schließlich doch einander nahe und der sozialistischen Aufklärung entgegenstehen, indem beide Erstere auf eine jüdische Absonderung abzielen, was beim Letzteren gerade das Problem bilden soll.
Interessanterweise ist gerade der verpönte Zionismus die einzige Alternative (ob zum religiösen Judentum im Allgemeinen oder zum rabbinischen im Besonderen), die überhaupt in den Filmen figuriert. Andere Alternativen zur Religion sowie die religiösen Alternativen zur rabbinischen Orthodoxie werden völlig übersehen,[338] was davon zu zeugen scheint, wie schwer Zwischenfälle im Sozialismus behandelt werden konnten – nämlich so schwer, dass sogar der verhasste Zionismus leichter abzuwehren war als andere (kulturelle oder religiöse) Strömungen, und zwar gerade deswegen, weil diese Erscheinung des Nationalismus dem Faschismus so schnell, wenn auch nicht so mühelos zugeschrieben wurde. Dabei lässt sich beobachten, dass der »jüdische« Jude, der ja sowieso abgelehnt wird, immerhin niemals zionistisch gesinnt ist. Das heißt, dass der Zionismus, der im Gegensatz zur Orthodoxie den Kampf – wenigstens zur Zeit der DDR – noch nicht verloren zu haben schien, eine wirkliche Bedrohung darstellte, was naturgemäß kaum auf Letztere zutraf.
Wie oben gesagt, ist für den »jüdischen« Juden kennzeichnend, dass er sein Deutsch mit jiddischem Unterton verzerrt oder Ersterem jiddische Wörter schlichtweg beimischt, wodurch das Jiddische zum sprachlichen Sinnbild des Judentums im Allgemeinen (das zionistische Neuhebräisch wird, wie oben erklärt, von vorneherein als faschistisch ausgeschlossen) und des Veralteten und Vergangenen, kurz: des nunmehr Überflüssigen im Besonderen wird.
Dabei erhebt sich das Jiddische in seiner Rolle als sprachliches Sinnbild des Judentums über seinen eigentlichen kulturellen Raum und findet auch anderwärts Anwendung, wie bspw. in Sternen, einer deutschbulgarischen Gemeinschaftsherstellung, deren Handlung sich in einem kleinenstädtischen und notdürftigen, in Bulgarien befindlichen Ghetto abspielt, in welches griechische Juden gebracht werden, um nach kurzem von dort aus nach Auschwitz weitergeschickt zu werden. Nur sprechen diese angeblich judenspanischen Muttersprachler die deutschen Soldaten auf Jiddisch bzw. mit jiddischem Unterton an, was ihnen von ihrer griechischen Herkunft her bestimmt nicht möglich sein sollte, dann aber ja nur als sprachliches Sinnbild für Juden fungiert. Diese Rolle des Jiddischen kommt auch umgekehrt vor, nämlich wenn die deutschen Soldaten, die zu den Bulgaren (naturgemäß?) auf Bulgarisch sprechen, beim Verkehr mit den griechischen Juden immerhin die deutsche Sprache verwenden, was anscheinend auf der Annahme beruht, dass (alle) Juden Jiddisch können bzw. Deutsch verstehen sollen, wie im Film auch in der Tat passiert.
Das wird auch daraus ersichtlich, dass der Film von einem jiddischen Gedicht vom Jahre 1938 begleitet wird, welches dabei insgesamt fünfmal erklingt und mit dem der Film zudem auch anfängt und endet, nämlich mit Mordechai Gebürtigs (îøãëé âòáéøèéâ) »àåðãæòø ùèòèì áøòðè« (unser Städtchen brennt), dessen Wortlaut am Ende in deutscher Übersetzung auf der Leinwand erscheint.[339] Im Hinblick darauf könnte man womöglich sagen, dass auch das Jiddische – ein neutrales Zeichen schon an sich – stereotypisch gebraucht zu werden vermag.
Dazu kommt auch der stereotypisch erscheinende Gebrauch hebräischer bzw. jiddischer Buchstaben, wie in lebender Ware (1966). Der Titel, welcher diesen Film eröffnet, besteht in einer dem nationalsozialistischen ewigen Juden (Fritz Hippler, 1940, Untertitel: »Dokumentarfilm über das Weltjudentum«) erstaunlich ähnlichen Weise aus hebräischen bzw. jiddischen Buchstaben, die zu diesem Zweck einigermaßen umgestaltet wurden. Sucht man also nach Anzeichen des Fortbestands des nationalsozialistischen filmkünstlerischen Erbes, so mag dieser Ausnahmefall als solch eines fungieren, woraus aber umso ersichtlicher wird, wie weitgehend sich alles andere – ob zum Guten oder zum Schlechten – in dieser Hinsicht veränderte, nachdem sich die sozialistische Weltanschauung in Babelsberg durchgesetzt hatte.
In diesem Zusammenhang, wo wir Sterne schon erwähnt haben, wäre es wohl am Platze, auch die Frage danach zu stellen, ob und inwieweit die bulgarische Mitwirkung an der Herstellung des Films die Quantität und Qualität der dort enthaltenen jüdischen Zeichen beeinflusste. Nun ist diese Frage kaum eindeutig zu beantworten: Es scheint zwar mehr Zeichen hierbei zu geben als in anderen Filmen, nicht aber dermaßen, dass man einen wesentlichen Wandel in dieser Hinsicht vermerken könnte.
Demgegenüber lässt sich einen Unterschied darin finden, dass Ruth, die jüdische Hauptfigur, sich gewissermaßen zum Judentum bekennt, und zwar folgendermaßen: »Was waren Sie früher?«, fragt Ruth der deutsche Soldat Walter, der sich langsam in sie verliebt, worauf sie antwortet: »Bevor man bemerkte, dass ich Jüdin bin? – Lehrerin.« Einerseits scheint dieses Bekenntnis dem des Herrn Mengers im Beil von Wandsbek[340] sehr ähnlich zu sein, weil beides nicht ganz freiwillig vom sich Äußernden ausgeht, sondern schließlich auf die Nazis, also auf die bösen Figuren zurückgeführt wird. Andererseits ist Mengers, obwohl die einzige jüdische Figur im Beil von Wandsbek, bestimmt keine Hauptfigur (spricht er doch nicht mehr als etliche Sätze, wenn sie weltanschaulich auch ganz bedeutungsvoll sind), was Ruths Bekenntnis in Sternen doch zu einer Art Ausnahmefall unter all unseren Filmen macht.
Zum Schluss könnte man sagen, dass das Ergebnis hinsichtlich der Quantität und der Qualität der jüdischen Zeichen in dieser deutschbulgarischen Koproduktion das gleiche ist wie bei den anderen Filmen, selbst wenn die veränderten Umstände erweiterte Ausdrucksmöglichkeiten bieten.[341]
Unter den wenigen positiven Zeichen, die sich in den Filmen ausfindig machen lassen, befindet sich die Menorah, die manchmal auch als Chanukijah vorkommt. Auf den ersten Blick ger&a