Dieser Text ist ein Kapitel aus:
Die Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR

    Es handelt sich hier um die Online-Veröffentlichung der gleichnamigen Magisterarbeit, erforscht und geschrieben von:   
Yoav Sapir, die Hebräische Universität Jerusalem, 2004-2006

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© 2004-2006 Yoav Sapir, alle Rechte vorbehalten
 






V. Die Forschungsmethode

 

Die Beantwortung unserer Fragestellung besteht aus drei Schritten: Erstens die Wiederherstellung der dem ostdeutschen Publikum gezeigten jüdischen Identität durch Analyse des oben dargestellten Quellenmaterials; zweitens die Erklärung dieser Identität mithilfe des geschichtlichen, oder näher gesagt: politisch-ideologischen Zusammenhanges in der DDR; und drittens die Entschließung durch Auswertung unserer Erkenntnisse, ob es eine Entthematisierung oder eine Umthematisierung des Juden in der DDR gab. Dabei liegt der methodologische Schwerpunkt auf dem ersten Schritt, der besagten Wiederherstellung bzw. Herausarbeitung einer sehr schwer bestimmbaren »Gruppenidentität«,[260] also von etwas, was im Grunde genommen nur gedanklich vorhanden und daher historiographisch kaum greifbar ist. Die benötigte Methodologie soll deshalb imstande sein, folgende Aufgaben zu erfüllen:[261]

 

Erstens muss sie Resultate liefern, die tunlichst auf Nachweise basieren, welche ganz deutlich bzw. ausdrücklich in den Texten zu finden sind, und zwar auf Kosten unbeweisbarer und abstrakter Aussagen exegetischer Natur.[262]

 

Zweitens müssen die Erkennung und Behandlung der Nachweise mit klaren, feststehenden und offenkundigen Kriterien begründet werden.[263]

 

Drittens müssen gleiche und einheitliche Kriterien die Analyse eines gewissen Aspekts in einer Reihe verschiedener Werke im Rahmen eines längeren Zeitraums ermöglichen.[264]

 

Viertens muss die Methodologie durchgängiger Natur, also dazu geeignet sein, um der Analyse von Gruppenzugehörigkeitsdarstellungen im Allgemeinen zu dienen,[265] wobei die hiesige Frage nach dem »Bild des Juden im Spielfilm der DDR« nur als Muster- und Extremfall fungiert.[266]

 

Um zu einer wohl fundierten, bewiesenen und aufschlussreichen Zusammenstellung der literarischen und der historiographischen Disziplin zu gelangen, ist die Entwicklung der dafür geeigneten Forschungsmethode unerlässlich. Anderenfalls mögen wir in die Gefahr der Deskriptivität[267] geraten, wo in der Tat nichts anderes erfordert wird als begründete Erläuterungen.

 

V.a. Intensive gegenüber extensiver Analyse

 

Die Gegenwart irgendeiner Gruppe im Film im Allgemeinen (also ohne besondere Rücksicht auf den ostdeutschen) lässt sich von zweierlei Gesichtspunkt aus untersuchen: Einerseits intensiv, andererseits extensiv. Bei einer intensiven Fragestellung handelt es sich um den angeblich einzigartigen Gehalt, der den Figuren dieser Gruppe innewohnt und sie sohin von den restlichen unterscheiden sollte. Bei der extensiven jedoch geht es um die zwischenmenschlichen Beziehungen der manchmal gekennzeichneten bzw. ab- und ausgegrenzten Figuren zu den restlichen bzw. gewöhnlichen. Kurz gefasst: Die intensive Forschungsweise sucht nach dem Innerlichen ohne Rücksicht darauf, was sich draußen, also im Rahmen der Handlung ereignet, während die extensive hingegen das Äußerliche hinterfragt und die Persönlichkeit der Figur unbeachtet lässt.

 

Manche Figuren lassen sich nur auf die letztere Weise analysieren, wie z. B. die Figur des arabischen Terroristen, die in manchen westlichen Filmen wiederholt zu beobachten ist und keine Geisteswelt zu besitzen scheint. Solch eine Figur hat fast keine inneren Gehalte und ihre Eigenartigkeit kommt hauptsächlich in ihrer meistens gewalttätigen Beziehung zu den restlichen, d.h. gewöhnlichen. Sie ist nicht dazu bestimmt, die Welt und Kultur der Araber bzw. Muslime irgendwie darzustellen (ob in positiver oder negativer Weise), sondern kommt nur zur Vertretung des derzeitigen Bösen, d.h. des diesmaligen Anderen auf die Bühne. Ihre eindimensionale Rolle kommt folglich nur extensiv zum Ausdruck (indem sie bspw. ein Flugzeug entführt) und es gibt daher kaum eine Möglichkeit, eine intensive Frage zu stellen.

 

Kehren wir jetzt zu unserem Thema zurück: Welche Frage sollen wir stellen? Vielleicht beides? Das hängt davon ab, was für Antworten wir jeweils bekommen können bzw. suchen sollen. Da die ostdeutschen Filme zum jüdischen Thema die Geschichte des Zweiten Weltkrieges aufgreifen, können wir die möglichen Antworten auf eine extensive Fragestellung schon jetzt zusammenfassen: Die Juden sind meistenteils Objekte fremder Gewalt, die sich ziemlich passiv verhalten, also in der Regel die bekannten, sozusagen »schwachen« Exiljuden, oder ganz kurz: Opfer[268]. Aber ist es nicht vorauszusehen gewesen? Die Verhältnisse zwischen Juden und Nichtjuden in diesem Zusammenhang können ebenso gut erwartet werden, wie dieser Zusammenhang bekannt ist. Eine extensive Fragestellung könnte uns also zu keinen neuen Erkenntnissen bringen. Darüber hinaus würde so eine Fragestellung kaum zu unserer ursprünglichen Frage nach der jüdischen Identität der Figuren passen, denn unsere Frage lautet »Worin kommt ihr Jüdischsein zum Ausdruck?« und so etwas, also das Jüdischsein der Figuren, kommt fast ausnahmslos nur im Innerlichen, in den kleinen Einzelheiten ihrer Persönlichkeiten zum Ausdruck – und nicht in ihren Beziehungen zu den nichtjüdischen Figuren. In den Filmen ist freilich keine »typisch jüdische« Verhaltensweise zu beobachten, die ja als antisemitische Vorstellung zu verurteilen wäre. Uns bleibt also Ersteres übrig, nämlich die jüdischen Figuren intensiv zu untersuchen, während die jeweilige Handlung unberücksichtigt bleibt, was auch zur Erfüllung der dritten der oben dargelegten Bedingungen der erforderlichen Forschungsmethode beiträgt, denn mithilfe einer solchen Analyse können wir den Überblick über mehrere Filme gewinnen und doch die Einheitlichkeit der Kriterien, mit denen in den Filmen nach den »Beweisstücken« gesucht werden soll, gleichzeitig bewahren.

 

V.b. Die Zeichensuche

 

Wodurch können wir also unsere analytische Frage nach der jüdischen Identität beantworten? Das Jüdischsein einer beliebigen Figur kommt eben darin zum Ausdruck, woran erkannt wird, dass diese Figur jüdisch ist. Ist kein Hinweis auf ihr Jüdischsein zu finden, so ist die Figur – ganz einfach – nichtjüdisch.[269] Mit anderen Worten: Eine Figur ist nur insofern jüdisch, als dies überhaupt wahrnehmbar ist. Eine solche Gruppenzugehörigkeit lässt sich daher lediglich an Anzeichen jüdischer Gegenwart erkennen, aus denen die jüdische Identität der jeweiligen Figur im Film (ob bewusst oder nicht) »hergestellt« wurde und aus deren Gesamtheit sie beim Zuschauerlebnis wieder entsteht. Diese »jüdischen Zeichen«, die bei unserer Antworterstellung als belegbare Bausteine fungieren, müssen wir sammeln sowie anschließend sinnvoll beurteilen und auswerten, um die implizit vermittelte jüdische Identität tunlichst wirklichkeitsgetreu wiederherstellen zu können.

 


V.b.1. Ausdrückliche gegenüber unausdrücklichen Hinweisen

 

Die jüdischen Zeichen als Ganzes teilen sich zuallererst in zwei Gattungen: Ausdrückliche und unausdrückliche Hinweise. Mit »ausdrücklichen Hinweisen« werden wörtliche Äußerungen gemeint, wo vom Wort »Jude« und seinen Deklinationen (wie »jüdisch«) sowie von sinnverwandten Wörtern (bspw. »Itzig«, wie etwa in Lebender Ware oder Professor Mamlock) Gebrauch gemacht wird, und zwar entweder mündlich oder schriftlich. Die besondere Art des Bekenntnisses des Kommunisten Mengers zum Judentum im Beil von Wandsbek haben wir schon erwähnt.[270] Ein weiteres Beispiel bildet der Film nackt unter Wölfen (1962), wo sich die Zugehörigkeit des namenlosen[271] Kindes zum Judentum an recht wenig erkennen lässt, unter anderem daran, dass ein SSler den vorläufigen »Stiefvater« des Kindes ganz am Anfang des Filmes mit »Judensau« anredet. Später wird es auf einem Zettel, den ein anderer SSler an seinen Kommandanten schreibt und welcher vom Letzteren auch laut gelesen wird, als »Judenkind« bezeichnet;[272] demzufolge fragt der Kommandant einen Häftling schreiend: »Wo ist das Kind? Wo das Judenbalg ist, will ich wissen!!«, woraufhin er eine andere Weise versucht: »Wer mit sagt, wo das Judenbalg versteckt ist, bekommt eine Belohnung.« – Also vier bzw. fünf Vorkommen des Wortes »Jude«, die durchaus notwendig sind, um das im Grunde genommen ganz gewöhnliche Kind als Jude zu bezeichnen, sodass seine Gewöhnlichkeit ihre bezweckte Bedeutung bekommen kann. Geschrieben kann ein ausdrücklicher Hinweis etwa auch auf einem Schilde stehen, wie in Ehe im Schatten, wo verhältnismäßig kurz nach dem Anfang ein Schild mit dem Wortlaut »Juden unerwünscht« angezeigt wird, oder in Jakob dem Lügner, wo zweimal, am Anfang sowie am Ende des Filmes, zwei verschiedene, von den Nazis aufgestellte Schilder zu sehen sind, auf denen das Wort »Juden« steht.[273] Kennzeichnend für ausdrückliche Hinweise ist, dass sie von Nazis oder ähnlichen (bösen) Figuren ausgehen.

 

V.b.1.i. Bejahte gegenüber verneinten ausdrücklichen Hinweisen

 

Bei solchen Fällen ausdrücklicher Hinweise lautet die entscheidende Frage: Wer sagt es, d.h. wer stellt dem Publikum die Objekte der Äußerung als Juden vor? Mit anderen Worten: Sind die als Juden gekennzeichneten Figuren nur Objekte oder aber auch Subjekte ihrer Zuordnung zu einer unterschiedlichen, abgesonderten Gruppe, die »das Judentum« genannt wird? Grundsätzlich gibt es nicht mehr als zwei mögliche Antworten darauf, denn der Zuordnende kann entweder Jude oder Nichtjude sein. Vorerst scheint diese Teilung sinnvoll begründet zu sein: Wenn die Äußerung von den Juden selbst gemacht wird, gilt sie als ein bejahter ausdrücklicher Hinweis, da die jüdischen Figuren[274] sich selbst zum Judentum (d.h. zur jüdischen Gruppe) bekennen und ihren eigenen Willen, dieser abgesonderten Gruppe zuzugehören, somit zum Ausdruck bringen, weshalb diese Selbstzuordnung im Film[275] angenommen wird. Wenn die Äußerung aber von einem nichtjüdischen Fremden ausgeht, so zählt sie als ein verneinter ausdrücklicher Hinweis, da es nun um eine erzwungene und daher im Film abgelehnte Zuordnung geht.

 

Jedoch teilen sich die Figuren, wie im Nachstehenden erklärt, tatsächlich in zwei anders bestimmte Gruppen, nämlich in gute, weil »aufgeklärte« und in böse, weil »unaufgeklärte« Figuren.[276] Denn einen Sonderfall bildet hier die wiederkehrende Figur des orthodoxen und daher sozusagen »jüdischen« Juden,[277] also wenn eine ausgegrenzte, ausgesprochen jüdische (d.h. orthodox-religiöse) Figur auf eine andere, eher »unjüdische«[278] (d.h. gewöhnliche, säkulare) als Juden hinweist; in dem Fall zählt der von vorneherein ausgegrenzte, »jüdische« Jude als eine Art Fremder, der den (allerdings ebenfalls jüdischen)[279] Protagonisten, welcher kaum (aber nicht: gar keine)[280] jüdische Zeichen zeigt, gegen dessen Willen doch als Juden zu kennzeichnen versucht – also wiederum erzwungen, und zwar nicht zufälligerweise so, wie es die »Faschisten« tun möchten. Eine solcherart erzwungene Zuordnung zum Judentum gilt somit ebenfalls als verneinter ausdrücklicher Hinweis, da das alte bzw. veraltete, sich religiös absondernde Judentum ebenso abgelehnt wird wie die »Faschisten«.

 

Ein gutes Beispiel für ein solcher Ausnahmefall bietet uns die Austrittsszene im zweiten Teil des Fernsehdreiteilers Hotel Polan und seine Gäste (1980-82), einer Verfilmung von Jan Koplowitzens Bildungsroman Bohemia, Mein Schicksal (Halle und Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1979). Der schon kommunistisch gesinnte, aber noch Schläfelocken pflegender[281] Peter Samuel Polan, künftiger Erbe des Hotels »Bohemia«, besucht die örtliche Synagoge, um dem litauisches (»kimt arein, kimt arein«) Jiddisch[282] sprechenden Rabbiner seinen Austritt aus der jüdischen Gemeinde zu erklären, und zwar dreimal in ein und demselben Gespräch. Dabei redet der Rabbiner Peter Samuel mit »Jud« und »Jid« an, zwar nicht als Herabsetzung, aber wohl gegen Peters Selbstverständnis, welcher ja »Kommunist, Atheist, Humanist« sein will. Diese erzwungene Zuordnung des sozusagen aufgeklärten Protagonisten zum Judentum gilt trotz des ersichtlichen Jüdischseins des Zuordnenden als verneinter ausdrücklicher Hinweis, da es eben diese Offensichtlichkeit des Jüdischseins des Rabbiners ist, welche diesen ausgrenzt und dem Gesichtspunkt des Films entfremdet.

 

V.b.1.ii. Bekenntnisse jüdischer Figuren zum Judentum

 

Wofür soll ein ausdrücklicher Hinweis einer jüdischen Figur auf sich selbst gehalten werden? Tatsächlich müssen wir den oben erläuterten Regeln auch in einem solchen Falle folgen. Wenn sich eine kaum oder höchstens nicht sehr[283] jüdische, aber jedenfalls säkulare Figur zum Judentum bekennt, tut sie das aus ihrem freien Willen, woraufhin dies als ein bejahter ausdrücklicher Hinweis gilt. Demgegenüber ist so etwas, wenn es ein religiöser Jude tut (was in Hotel Polan und seine Gäste [1980-82] mehrmals zu beobachten ist, vor allem im ersten Teil), nichts mehr als eine Selbstverständlichkeit. Da aber eine solche Figur ganz klar ausgegrenzt und ihre Lebensweise im Film abgelehnt wird, bekommt ein solcher Hinweis eine ausgesprochen negative Bedeutung. Wie die negative Stellung der Nazis in den Filmen schon an sich zur Ablehnung der von den Nazis ausgehenden ausdrücklichen Hinweise auf Figuren als Juden bringt, so verursacht auch die negative Stellung der Religion im Allgemeinen und der jüdischen Orthodoxie im Besonderen, dass ein Bekenntnis einer geradezu »jüdischen« Figur zum Judentum schon durch ihre negative, weil orthodox-religiöse Rolle im Film verneint wird. Kurz gefasst, werden Selbstbekenntnisse ebenso betrachtet wie andere ausdrückliche Hinweise: Ob ein ausdrücklicher Hinweis im Film bejaht oder verneint wird, hängt vom sozialistisch-ideologischen Stellenwert des Hinweisenden ab. In dieser Hinsicht teilen sich die Figuren in den Filmen – wie vorhin behauptet – nicht in Juden und Nichtjuden, sondern – grob gesagt – in eher gute »Aufgeklärte« (Kommunisten, unjüdische Juden u. Ä.) und gewissermaßen böse »Unaufgeklärte« (Nazis, Orthodoxe, national gesinnte Zionisten u. Ä.); eine Teilung, die ja im Einklang mit sozialistischer Weltanschauung steht. Übrigens: In dem Fall, dass eine aufgeklärte Figur – bspw. der säkulare Protagonist – zu solch einem Bekenntnis zum Judentum gezwungen würde, würde es als ein verneinter ausdrücklicher Hinweis seitens des unaufgeklärten Zwingenden zählen (was sich ja schon von selbst versteht).

 

V.b.1.iii. Das Gewicht des Zusammenhanges ausdrücklicher Hinweise

 

Bewertende Betrachtungen des Judentums – wie etwa stereotypische,[284] vorurteilshafte Bemerkungen, dass die Juden nämlich sehr reich[285] (nackt unter Wölfen) oder unsittlich[286] (lebende Ware) seien, aber auch andersartige Meinungen – pflegen solche Konstatierungen bezüglich des Jüdischseins einer beliebigen Figur zu begleiten. Mit anderen Worten: Eine bewertende Meinung zum Judentum bzw. der Judenheit kann (schon logisch, d.h. überall auf Erden) erst entstehen, nachdem der dazu erforderliche Bezug auf das Judentum bzw. die Judenheit genommen worden ist, und zwar gewöhnlich in Form eines ausdrücklichen Hinweises. Wie sollen wir also derartige, den Juden zugeschriebene Werte untersuchen?

 

Hier kommt es ebenfalls darauf an, wer die Feststellung macht und die mit ihr zusammenhängenden Meinungen ausspricht, d.h. ob der sich Äußernde zu den (verallgemeinert) guten oder bösen Figuren gehört. Handelt es sich um eine sozusagen böse Figur, so werden die Meinungen bzw. Vorurteile im Film genauso abgelehnt wie die ausdrücklichen Hinweise selbst, denen Ersteres das Geleit gibt. Daher gilt diese Art Zurückweisung weltanschaulich verpönter Meinungen ebenso für nationalsozialistische wie für orthodox-religiöse jüdische Figuren. Wir können hier das oben erwähnte Beispiel fortführen, wo der Rabbiner dem jungen Peter Samuel sagt: »A Jud gehört in[s] Kape[ll]haus [anscheinend im Sinne von Bethaus, also Schul, Synagoge], nicht auf der Gass [=Straße].« Es ist klar, dass die sozusagen böse, weil »unaufgeklärte« Rabbinerfigur im Film eben dazu gebraucht wird, um eigentlich durch Ablehnung seiner Meinung zu sagen, dass Juden doch nicht ins Bethaus gehören.

 

Von »bösen« Figuren ausgesprochene Meinungen zum Judentum tragen also nicht zur Bildung der jüdischen Identität in den Spielfilmen; sie zielen vielmehr darauf ab, verschiedene identitätsstiftende Inhalte, die allerlei jüdischen Identitäten[287] innewohnen mögen, abzustreiten. Daher können uns diese gerade zur Ausstreichung gewisser Inhalte bestimmten Funde nicht zur Wiederherstellung der in den ostdeutschen Spielfilmen gezeigten Idealvorstellung der jüdischen Identität verhelfen. Würden wir als Forscher – wahrscheinlich manchen ostdeutschen Zuschauern ähnlich, an welche diese Funde gerichtet zu sein scheint – das Vorhandensein irgendwelcher jüdischen Identität in den Filmen voraussetzen, so könnten solcherart Leugnungen unsere unbegründete Voraussetzung ggf. untergraben. Da wir aber das Vorhandensein durchaus keiner jüdischen Identität in den Filmen voraussetzen, müssen wir uns ausschließlich auf identitätsstiftende Spuren beschränken.