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Dieser Text ist ein Kapitel aus: Die Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR Es handelt sich hier um die Online-Veröffentlichung der gleichnamigen Magisterarbeit, erforscht und geschrieben von: Yoav Sapir, die Hebräische Universität Jerusalem, 2004-2006 Klicken Sie auf folgenden Link, um zur Hauptseite dieser Online-Veröffentlichung zu gelangen: http://ostdeutsche.judenfrage.googlepages.com Dort finden Sie ein kurzes Vorwort und ein umfassendes Inhaltsverzeichnis. Alle Kapitel stehen notabene auch im PDF-Format zur Verfügung (optisch lesbarer und mit Seitenzahlen versehen). © 2004-2006 Yoav Sapir, alle Rechte vorbehalten |
1. Ehe im Schatten. Kurt Maetzig. SBZ, DEFA, 1947
2. Affaire Blum. Erich Engel. SBZ, DEFA, 1948
(Der Rat der Götter.[182] Kurt Maetzig. DDR, DEFA, 1949-50)
3. Das Beil von Wandsbek. Falk Harnack. DDR, DEFA, 1950-51[183]
4. Sterne. Konrad Wolf. DDR/Bulgarien, DEFA u. Studio für Spielfilme Sofia, 1958-59
5. Professor Mamlock. Konrad Wolf. DDR, DEFA, 1960-61
6. Nackt unter Wölfen. Frank Beyer. DDR, DEFA, 1962
7. Lebende Ware. Wolfgang Luderer. DDR, DEFA, 1966
(Ich war neunzehn.[184] Konrad Wolf. DDR, DEFA, 1967-68)
8. Die Bilder des Zeugen Schattmann. Kurt Jung-Alsen. DDR, DFF[185], 1971-72
9. Jakob der Lügner. Frank Beyer. DDR, DEFA u. Fernsehen der DDR[186], 1974
10. Levins Mühle. Horst Seemann. DDR, DEFA, 1979-80
11. Hotel Polan und seine Gäste. Horst Seemann. DDR, Fernsehen der DDR, 1980-82
12. Stielke, Heinz, fünfzehn. Michael Kann. DDR, DEFA, 1985-86
13. Die Schauspielerin. Siegfried Kühn. DDR, DEFA, 1987-88
14. Bronsteins Kinder.[187] Jerzy Kawalerowicz. BRD, Novafilm u. ZDF, 1990-91
1. Zu den Jahresangaben muss bemerkt werden, dass es eher schwer zu bestimmen ist, welches Jahr einem Film zugeschrieben werden sollte, weil die Herstellung und die Erstaufführung nicht immer in ein und demselben Jahre stattfanden.[188] Deshalb habe ich die meisten der obigen Angaben dem Filmportal.de[189] entnommen, mit denen den Zeitraum vom Anfang der tatsächlichen Dreharbeit bis zur Zensurgenehmigung des jeweiligen Films (auf welche die Uraufführung gewöhnlich, aber nicht immer nach kurzem erfolgt) gemeint ist. Ausnahmen von dieser Regel bilden die beiden Fernsehmehrteiler, die nicht auf Filmportal.de, sondern im Kabel1-Filmlexikon[190] verzeichnet sind, wobei die dort angegebenen Zeiträume immerhin nach ähnlichen, wenn nicht gleichen Kriterien bestimmt zu werden scheinen.
2. Es fällt schon die Lücke zwischen den Jahren 1951-58 auf, in denen keine Filme zum Thema gedreht wurden. Das sind die Jahre der stalinistischen Judenverfolgung im Allgemeinen und in der noch nicht »unabhängigen«[191] DDR im Besonderen (1952-53) sowie deren Folgezeit.[192] Inwiefern das eine mit dem anderen zu tun hat, ist ebenfalls interessant: Womöglich geht diese (Nicht-)Erscheinung auf irgendwelche nach dem Tode Stalins übrig gebliebene Stimmung zurück, die verursachte, dass die Aufarbeitung der ostdeutschen Judenfrage – gerade nach ihren eindrucksvollen Ansätzen – vorläufig zum Schweigen gebracht wurde. Jedoch müssen wir uns hier mit einer bloßen Vermutung begnügen, denn eine ernsthafte Antwort darauf würde unsere gegenwärtige Fragestellung wohl überschreiten.
3. Weiters wäre es hier wohl am Platze, eine kurze Erläuterung dazu zu geben, warum unsere Analyse (wie sowohl aus der obigen Liste als auch aus dem Titel dieser Arbeit ersichtlich wird) auf eine Grundgattung des filmischen Mediums, nämlich auf den Spielfilm, beschränkt ist und andere, sozusagen »sachliche« Gattungen, wie den Dokumentarfilm und die aktuelle Berichterstattung (ob in der Wochenschau oder im Fernsehen), vorerst unbeachtet lässt, obwohl das jüdische Thema auch dort aufgegriffen wurde. Als Erstes möchte ich klarstellen, dass es m. E. keine grundsätzlichen oder wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden Grundgattungen gibt. Ganz im Gegenteil: Ein Dokumentarfilm kann ebenso »fiktiv« sein, wie ein Spielfilm »wirklich« sein kann;[193] man denke etwa an den nationalsozialistischen Hetzfilm Der ewige Jude. Dokumentarfilm über das Weltjudentum (Fritz Hippler, 1940) oder – mit Entschuldigung für die scheinbare Gleichsetzung – an Woody Allens (allerdings ganz ernsthaften) Komödienfilm Zelig (USA, 1983), der vollkommen als Dokumentarfilm gestaltet ist.[194] Mein Entschluss, die Herausarbeitung einer jüdischen Gruppenidentität in den sachlichen Gattungen des ostdeutschen Films einem künftigen Forschungswerk vorzubehalten, rührt mithin ausschließlich von der Notwendigkeit her, den Rahmen dieser Arbeit begrenzt zu halten, um sie doch noch als eine Magisterarbeit durchführen zu können.[195] Dasselbe gilt natürlich für andersartige Medien.
Insgesamt hat die DEFA »rund 12.000«[196] Filme, darunter etwa 950 Spielfilme hergestellt. Angesichts dieser Zahlen scheinen die 13[197] Spielfilme, mit denen wir uns befassen werden, recht wenig zu sein – umso mehr, wenn die Juden ja unterm Schatten der drei oben erläuterten Bedeutungsströme stehen sollen. Wir müssen aber den größeren Zusammenhang in Erwägung ziehen, um diese Zahl richtig beurteilen zu können:
Erstens bezieht sich Christiane Mückenberger in ihrem Aufsatz »The Anti-Fascist Past in DEFA Films« auf 24 Filme.[198] Dort werden aber auch Filme einbezogen, deren Beziehung zum Antifaschismus eher beschränkt ist; nehmen wir folglich an, dass sie fast alle zur Sache gehörigen Filme aufzählt, so kommen dabei sechs der Filme in Mückenbergers Aufsatz auch in unserer Liste vor – obwohl ich sagen würde, dass sich mindestens 12 der unsrigen in irgendwelcher Weise auf das Thema »(Anti-)Faschismus« beziehen. In einer Liste des »Progress«-Filmverleihs[199] zum Thema »Antifaschismus« sind 21 Spielfilme erfasst – über diejenigen in unserer Liste hinaus, die von vorneherein nicht in dieser Liste aufgeführt worden sind. Also höchstens 34 (und nach Mückenberger 24) Spielfilme beschäftigten sich während mehr als vierzig Jahren mit dem Leitmotiv des ostdeutschen Films, dem Gründungsnarrativ der DDR. Wurde schätzungsweise (und tatsächlich, wie im nachfolgenden Punkt erklärt, mehr als) ein Drittel von ihnen dem jüdischen Thema innerhalb des Gründungsnarratives gewidmet, so macht schon die Zahl der Filme in unserer Liste einen ganz anderen Eindruck.
Zweitens werden hier nicht alle Filme berücksichtigt, die sich irgendwie mit dem jüdischen Thema beschäftigen, sondern ausschließlich solche, bei denen jüdische Figuren tatsächlich auf der Bühne bzw. Leinwand stehen. So fallen Filme wie der Rat der Götter[200] oder das zweite Gleis (Hans-Joachim Kunert, 1961-62)[201] aus, die dennoch gänzlich mitgezählt würden, wenn hier das jüdische Thema im Allgemeinen und nicht nur das Bild des Juden im Besonderen analysiert würde. In diesem Sinne könnte man sagen, dass es zweierlei Aufarbeitung in der DDR gab: eine mittelbare (ohne Auseinandersetzung mit dem Anderen, d.h. ohne Vorkommen jüdischer Figuren) und eine unmittelbare (jüdische Figuren treten sozusagen auf die Bühne), wobei die ersteren Spielfilme allerdings nicht zur Beantwortung unserer Leitfrage herangezogen werden können.[202]
Drittens stellt sich aus unserer Liste heraus, dass ein Spielfilm mit jüdischer Gegenwart durchschnittlich alle 3,15 Jahre hergestellt und aufgeführt[203] wurde, also viel häufiger als in anderen Ländern (ob im Westen oder im Osten), geschweige denn in der BRD, die mindestens bis zum Jahre 1979, in dem der US-amerikanische Fernsehvierteiler Holocaust (Marvin J. Chomsky, 1978) durch die ARD ausgestrahlt wurde,[204] vom jüdischen Thema abzusehen suchte.[205]
Viertens kann über das Gewicht der ostdeutschen Judenfrage erfahren werden, indem man die Zahl der Filme auf unserer Liste, die wie gesagt nicht alle Filme zum jüdischen Thema umfasst, mit der Zahl der ostdeutschen Filme vergleicht, die sich mit der sehr viel größeren sorbischen Minderheit beschäftigten. Damit sind notabene keine Filme gemeint, die nur in sorbischer Sprache hergestellt wurden und dem deutschsprachigen Publikum daher nicht zugedacht waren; diese Filme können von vornherein gar nichts zu diesem Vergleich beitragen, da sie damals ja keine Darstellung des Anderen bildeten. Deutschsprachige Kurzfilme für das Beiprogramm und spätere Fernsehbeiträge über sorbisches Brauchtum u. Ä. spielen hier ebenfalls keine Rolle, denn auch die ostdeutschen Dokumentarfilme zum jüdischen Thema sind hier nicht herangezogen worden.[206] Bei diesem Vergleich suchen wir also nach deutschsprachigen Spielfilmen über die Sorben und insbesondere nach (ebenfalls deutschsprachigen) Spielfilmen mit sorbischer Gegenwart.
Eine Suche auf der umfassenden Datenbank der Website Filmportal.de[207] liefert nur einen Film, betitelt Sehnsucht, der – zum Einen – erst 1989 (unter der Regie Jürgen Brauers) hergestellt wurde und sich – zum Zweiten – eher begrenzt auf Sorben (geschweige denn als solche) bezieht.[208] Toni Brucks Übersicht über den »Film bei den Lausitzer Sorben«, die hauptsächlich die DDR-Zeit behandelt (und in welcher Bruck sich sowohl auf Filme über als auch auf Filme für Sorben bezieht), gibt Folgendes an (meine Hervorhebung):[209] »Im DEFA-Studio für Spielfilme in Potsdam-Babelsberg entstand 1953 der bisher einzige Langmetrage-Spielfilm nach einem sorbischen Stoff. Nach dem Roman ›52 Wochen sind ein Jahr‹ von Jurij Brězan kam der Film in der Regie von Richard Groschopp und unter Mitwirkung bekannter deutscher Schauspieler 1955 in die Kinos der DDR.[210] […] Das Fernsehen der DDR hat in diesen Jahren [Ende der sechziger Jahre] Drehbücher Jurij Brězans als Fernsehspiele, ein eigenständiges Genre dieses Mediums, gesendet: ›Die alte Jančowa‹ und ›Musen im Mäuseturm‹. Bei der Jančowa handelte es sich um eine Bearbeitung der gleichnamigen dramatischen Chronik des Autors, ›Musen im Mäuseturm‹ enthielt sorbische Them[en] nicht.« Obwohl die alte Jančowa allem Anschein nach ein Kurzfilm war (da 52 Wochen sind ein Jahr der einzige Langmetrage-Spielfilm war), können wir diesen Spielfilm doch mitzählen, weil er als Fernsehfilm höchstwahrscheinlich für das deutschsprachige Publikum bestimmt war.
Insgesamt gab es also zwei, höchstens (mit Sehnsucht) drei Spielfilme zum sorbischen Thema. Das macht ein Sechstel, höchstens ein Viertel der Zahl der Filme zum jüdischen Thema auf unserer Liste aus,[211] die aber, wie vorhin gesagt, nicht alle Spielfilme zum jüdischen Thema, sondern nur Spielfilme mit jüdischer Gegenwart umfasst. Dabei sollen wir zudem noch bedenken, dass das zahlenmäßige Verhältnis zwischen den beiden Minderheitsgruppen doch völlig umgekehrt war – ungefähr Hunderte Juden gegenüber Zehntausenden Sorben.[212]
Angesichts der obigen vier Tatsachen können wir die vorher gering erscheinende Anzahl der Filme in unserer Liste schon ganz anders betrachten; daraus wird nämlich ersichtlich, dass das jüdische Thema gar nicht verschwiegen, sondern tatsächlich verhältnismäßig häufig im ostdeutschen Film diskutiert wurde, d.h. dass es in der DDR – soweit die Aussagekraft des filmischen Massenmediums in Betracht gezogen wird – tatsächlich keine Entthematisierung des Juden gab.[213] Das heißt aber (wie wir noch sehen werden) natürlich nicht, dass das SED-Regime die nationalsozialistische Thematisierung der Judenfrage fortsetzte.
Was für Filme sollen und können analysiert werden? Um die Frage danach stellen zu können, wie die Figur des Juden dargestellt wird, d.h. worin ihr Jüdischsein zum Ausdruck kommt, muss diese Figur dem Publikum unbedingt als Figur eines Juden vorgestellt werden. Es muss also irgendwann während des Filmes darauf hingewiesen werden, dass diese Figur wenigstens jüdischer Herkunft ist,[214] damit wir in der Lage sind zu fragen, wie das getan wird. Auch um dem Publikum einen völlig assimilierten Juden zu zeigen, der sich durch gar nichts von seiner nichtjüdischen Umgebung unterscheidet, muss doch irgendwie auf ihn als Juden hingewiesen werden. Das ist zum Beispiel mithilfe eines gelben Judensterns zu vollziehen, wodurch sein assimilierter Zustand nicht geschadet wird, weil ihm dieser Fleck von den Nazis aufgezwungen wird. Eine andere Möglichkeit ist, ihn einfach mit einem typisch jüdischen Namen zu versehen, oder dass andere Figuren ihn gegen seinen Willen ausdrücklich als »Juden« (oder bspw. mit »Itzig«) ansprechen. Wie auch immer, muss sein Jüdischsein doch wenigstens angedeutet werden, denn andernfalls würde die ganze Bedeutung verloren gehen, welche die Darstellung dieses gänzlich assimilierten Juden als eines gewöhnlichen Menschen haben kann; es würde dann nur noch ein gewöhnlicher Mensch, also kein Jude als gewöhnlicher Mensch gezeigt.
Die Filme, die analysiert werden können und sollen, sind folglich solche, bei denen sich das Publikum dessen zumindest grundsätzlich bewusst ist,[215] dass es sich im Film (unter anderem) um Juden handelt, d.h. dass mindestens eine Figur Jude oder jüdischer Herkunft ist.[216] Filme, die diesem Erfordernis nicht gerecht werden, können nicht in die Analyse einbezogen werden. Der Rat der Götter (Kurz Maetzig, 1949-50), zum Beispiel, der anfangs für die Arbeit gedacht gewesen ist, hat sich somit als unnützlich erwiesen. Er greift den technologisch-finanziellen Aspekt des Vernichtungswesens auf, nämlich die industrielle Herstellung von Zyklon-B in den Fabriken der IG Farben. Es tritt kein einziger Jude während des Filmes hervor, woraufhin der Film von der Arbeit ausgeschlossen werden muss.
Vielen Filmen im Allgemeinen und den unsrigen im Besonderen ist ein schriftlicher Text zugrunde gelegt, ob ein literarischer oder nicht,[217] ob veröffentlicht oder nicht. Es soll deshalb betont werden, dass hier nicht die filmische Deutung schriftlicher Texte unter der Herrschaft der SED erforscht wird, sondern die Art und Weise, auf welche die jüdische Identität unter dieser Regierung gedeutet wurde. Das heißt, dass unsere Fragestellung erst Anwendung finden kann, nachdem diese Deutungsweise der jüdischen Identität bereits in das Quellenmaterial verwoben, also durch filmische Mittel zum Ausdruck gebracht worden ist. Es soll uns daher ganz egal sein, ob die Verfilmung dem ursprünglichen schriftlichen Text getreu ist. Mit anderen Worten: Der