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Dieser Text ist ein Kapitel aus: Die Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR Es handelt sich hier um die Online-Veröffentlichung der gleichnamigen Magisterarbeit, erforscht und geschrieben von: Yoav Sapir, die Hebräische Universität Jerusalem, 2004-2006 Klicken Sie auf folgenden Link, um zur Hauptseite dieser Online-Veröffentlichung zu gelangen: http://ostdeutsche.judenfrage.googlepages.com Dort finden Sie ein kurzes Vorwort und ein umfassendes Inhaltsverzeichnis. Alle Kapitel stehen notabene auch im PDF-Format zur Verfügung (optisch lesbarer und mit Seitenzahlen versehen). © 2004-2006 Yoav Sapir, alle Rechte vorbehalten |
Jetzt sollen wir die Voraussetzungen der oben geschilderten Problematik hinterfragen. Warum gibt es überhaupt ein »jüdisches Thema« in der DDR? Warum sind die widersprüchlichen jüdischen Rollen für das SED-Regime wichtig? Warum muss der Zwiespalt überhaupt gelöst werden? Es gibt drei Hauptgründe dafür, deren keiner ausschließlich für die DDR gilt; das sind vielmehr drei Bedeutungsströme, die der DDR nicht voneinander unabhängig zuflossen und somit eine besonders ostdeutsche Bedeutung des Juden schufen.
Woraus besteht eigentlich die immer wieder anders bedingte und aufs Neue gestaltete Judenfrage, die der abendländischen Kultur noch immer, selbst heutzutage, innewohnt? Kurz gefasst: Das Abendland als solches hätte es ohne die jüdische Antithese nicht geben können, denn der Begriff des Judentums ist eine der wesentlichsten Grundlagen der abendländischen Kultur im Ganzen. Diese antithetische Funktion erklärt Christhard Hoffmann, der feststellt (Hervorhebungen im Original), »daß das Judentum durchweg als Gegenbild oder Antithese zum eigenen Ideal und Selbstverständnis figurierte und – ungeachtet der jeweiligen inhaltlichen ›Füllung‹ des jüdischen bzw. des eigenen ›Wesens‹ – immer den negativen Pol bildete.«[61] Durch den Juden als »den Anderen« bestimmen die Europäer bzw. Abendländer sich selbst, ob in religiöser, nationaler, klassengesellschaftlicher, rassischer, weltanschaulicher oder anderer Hinsicht.[62] Diese grundlegende Auffassung des Judentums wohnt aller europäischen Denkweise unausweichlich und unaufhörlich inne; nach dem Zweiten Weltkriege ist die physische Anwesenheit der Juden durch die Erinnerung an den Holocaust[63], die lebenden Juden durch die toten ersetzt worden,[64] wobei der Holocaust als ein »negative myth of origin for the post[-]war world«[65] fungiert.[66] Diese Konstatierung gilt bzw. galt trotz des ideologischen (Schein-)Widerspruchs[67] auch für die Regierung und Bevölkerung der DDR, wo das Judentum diese spiegelbildliche Funktion gleichfalls erfüllte, denn es können höchstens nur die Form und der Inhalt geändert werden, nicht aber das kantische Ding an sich, der bloße antithetische Begriff des »Judentums«, auf welchem die abendländische Kultur beruht.[68]
Ehe wir zur besonderen Rolle des Juden in der deutschen Kultur nach 1945 gelangen, muss noch etwas dazu bemerkt werden. Der Zweite Weltkrieg war bekanntlich ein gesamtdeutsches Erlebnis; in vieler Hinsicht das umfassendste von jeher. Für diese Gruppe bildet er ein in nicht geringem Maße identitätsstiftendes Gruppenerlebnis. Das wird auf zweierlei Weise gemeint, sowohl die Form als auch den Inhalt des Begriffs »Deutscher« betreffend:
In förmlicher Hinsicht zählte und zählt noch (z. B. im Sinne der Nachkommenschaft) als Deutscher, wer den Zweiten Weltkrieg als Deutscher[69] an der deutschen Seite miterlebte, wenn er vor 1939 auch bspw. die tschechoslowakische oder polnische Staatsangehörigkeit besessen hatte und 1945, wie so viele andere, in jene Gebiete floh bzw. vertrieben wurde, die später innerhalb der Grenzen der BRD, der DDR und der Zweiten Republik Österreich liegen sollten. Dass Sudetendeutsche aus den südlicheren Teilen des Gebirges südwärts in das spätere Österreich und nicht wie ihre »Volksgenossen« aus den nördlicheren Teilen in die späteren DDR und BRD flohen, war m. E. einfach geographisch nächstliegend und zeugt von noch gar keinem unterschiedenen, österreichischen Nationalbewusstsein.
Und inhaltlich: Deutscher zu sein, bedeutet für die Deutschen selbst – sowohl für die damaligen Generation(en) als auch für die jüngeren – vor allem, die Last dieser spezifischen Vergangenheit im Allgemeinen und Nichtdeutschen gegenüber im Besonderen noch immer tragen zu müssen. Auch dieser Aspekt gilt genauso für die Österreicher wie für die Deutschen (erinnern wir uns etwa an die Waldheim-Affäre), wobei die Nichtdeutschen, denen die Deutschen noch heutzutage gegenüberstehen müssen, selbstverständlich keine Österreicher sind.[70]
Ziehen wir nun unsere hiesige Begriffsbestimmung für »Gruppenidentität« heran,[71] so können wir die Sache auch folgendermaßen formulieren: Das Kriegserlebnis ist das Wesentlichste an der Charakterisierung der Zugehörigkeit zur »deutschen« Gruppe, d.h. an der Beantwortung der Frage, was es bedeutet, ausgerechnet der »deutschen« Gruppe (nach bzw. seit Kriegsende) anzugehören, wobei dieses freilich nicht einzige, aber immerhin wichtigste Charakteristikum der deutschen Gruppenidentität sowohl der deutschen Selbstvorstellung als auch nichtdeutschen Vorstellungen des deutschen Anderen innewohnt. Von dieser Charakterisierung haben die DDR sowie die Zweite Republik Österreich mithilfe ihres jeweiligen Erstes-Opfer-Narrativs lange abzuweichen versucht, was sich aber auf die Dauer als abträglich erwiesen hat.[72]
Kurz gefasst, fungiert das gesamt- bzw. (damals) »großdeutsche« Kriegserlebnis sozusagen als das wesentlichste Kriterium der deutschen Gruppenidentität nach 1945, was daraufhin für alle auf den Ruinen des Dritten Reiches gegründeten Nachfolgestaaten gilt. Die Historiker sind also dazu gezwungen, Widerhalle des bundesdeutschen Alleinvertretungsanspruches, die möglicherweise noch heutzutage auf uns einwirken, zu beseitigen. So muss z. B. die Zweite Republik Österreich ebenso wie die BRD und die ehemalige DDR als ein deutscher Staat angesehen und bei Analysen und Erörterungen der deutschen Vergangenheitsbewältigung nicht weggelassen werden.[73] Damit wird im Übrigen auch die Auslassung der Schweiz gerechtfertigt.[74] Aber jetzt interessieren wir uns für andere Folgen dieser Feststellung, nämlich für ihre Auswirkung auf die gesellschaftliche Stellung der Juden in diesen Ländern und insbesondere in der DDR. Inwiefern können bzw. konnten sie überhaupt als Deutsche (oder Österreicher) gelten? Die krasse Unzugehörigkeit der Juden als eine unterschiedliche Gruppe zum deutschen Gründungserlebnis,[75] welches sich während und insbesondere bei den Schlussphasen des Zweiten Weltkrieges abspielte, weist m. E. darauf hin, dass ihrer Zugehörigkeit zu den erneuerten oder besser gesagt neuen deutschen Nationen ebenfalls ein Grundstein fehlt, weshalb diese Zugehörigkeit auch nicht vollständig sein kann, solange dem deutschen Kriegserlebnis eine so große identitätsstiftende Bedeutung beigemessen wird. Die manchmal zu beobachtende Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft nach 1945 in beiden bzw. allen drei Ländern – mal abgesehen von ihrer äußerst geringen Anzahl – kann folglich nichts mehr als ein erfolgreiches Zusammenleben zweier im Grunde genommen (vom deutschen Gesichtspunkt aus) noch immer unterschiedlicher Gruppen sein.[76] Auch nach 1945 sind die Juden in Deutschland vor (und nach) allem »Juden«, obwohl diese gesellschaftliche Stellung keinen amtlichen, rechtlichen Ausdruck hat bzw. hatte,[77] und ungeachtet dessen, wofür sie sich selbst erachten. Und somit gelangen wir zu ihrer Rolle als solche.
Über ihre allgemein abendländische Bedeutung hinaus haben die Juden als Opfer der Nazis eine besonders »deutsche« Rolle in den deutschen Ländern, die aus den Ruinen des Dritten Reiches geschaffen wurden.[78] In der deutschen Kultur nach 1945 haben nämlich die Juden eine nicht nur größere, sondern gar andere Bedeutung als in anderen abendländischen Ländern. Das gilt sowohl für das Judentum schlechthin (v. a. für das im Lande Israels befindliche) als auch für seine örtlichen Vertreter, d.h. für die verhältnismäßig sehr wenigen Juden, die sich (wieder) in diesen beiden Ländern niedergelassen haben, und zwar nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer physischen Abwesenheit. Dabei wich die Lage in der DDR grundsätzlich von ihrem westlichen Gegenstück ab, wie Harald Schmid festgestellt hat: »Der jüdische Bevölkerungsanteil[79] nahm in der Bundesrepublik seit der Anfang der sechziger Jahre erfolgten Konsolidierung der jüdischen Gemeinden relativ kontinuierlich zu […] Völlig anders gelagert, entwickelte sich die Situation in der DDR, wo das numerische Gewicht der Gemeinden ebenso kontinuierlich abnahm, freilich von einem bereits sehr schmalen Level ausgehend. […] In beiden Staaten nahm das politisch-kulturelle Gewicht der jüdischen Gemeinden im Laufe der vier Jahrzehnte stark zu, in der Bundesrepublik verlief dies einigermaßen parallel zu tatsächlichen Veränderungen der Gemeinden, in der DDR hingegen – in einem bizarren Ausmaß – umgekehrt proportional.«[80]
Die Wichtigkeit der Juden in den beiden Republiken des geteilten Deutschland[81] fasst Robin Ostow folgendermaßen zusammen: »Because of Germany’s Nazi past, the Jewish question in the GDR is much more important than local demography would suggest; it goes to the root of national identity – and this is true of West Germany as well.«[82] Worin kommt diese Besonderheit zum Ausdruck? Das erklärt Ostow in einer anderen Veröffentlichung (meine Hervorhebung): »[D]ie Juden [erfüllen] sowohl in der BRD wie auch der DDR auch heute noch bestimmte Funktionen. Sie sind nach wie vor als Vermittler[83] tätig, weniger auf wirtschaftlichem als auf politischem Gebiet. Allein durch ihr Vorhandensein demonstrieren sie den Bruch des jeweiligen Deutschland mit der Nazi-Vergangenheit und dienen als Verbindungsglied zu den westlichen Ländern.«[84]
In der DDR kommt diese gesellschaftliche Funktion auf eine etwas feudale Art und Weise zum Ausdruck: »So haben gegenwärtig die Jüdischen Gemeinden in der DDR ein besonderes Verhältnis zu ihrer Regierung und spielen eine besondere Rolle in der Außenpolitik ihres Landes. Im gleichen Maße wie Antifaschismus ein Hauptbestandteil der politischen Identität der DDR bleibt und die Handelsbeziehungen mit dem Westen – in erster Linie mit den USA – gedeihen und sich entwickeln, können die Jüdischen Gemeinden hier mit finanzieller und staatlicher Unterstützung rechnen. Mögen sich die politischen Beziehungen zwischen den USA und der UdSSR auch ändern, so verfolgt die DDR konstant eine Politik der Anbindung an westliche Märkte. Jede Änderung dieser Politik würde negative Auswirkungen auf die Bevölkerung der DDR – insbesondere die Juden – zur Folge haben.«[85]
Zur Vervollständigung unseres Überblicks über die Treffpunkte zwischen dem ostdeutschen und dem jüdischen Thema müssen wir schließlich auch die Rolle des Juden als Musterbeispiel im ideologischen Rahmen des Sozialismus in Betracht ziehen. Wie andere, selbst entgegengesetzte abendländische Weltanschauungen sah sich auch der Sozialismus von Anfang an zur Lösung der Judenfrage nicht nur fähig, sondern auch verpflichtet, weil sich die Richtigkeit und Tragfähigkeit der eigenen These prägnant an der Überwindung der Antithese bekunden soll. Am jüdischen Spiegelbild werden die wichtigsten Grundzüge der jeweiligen Weltanschauung erprobt, da der antithetische Jude jeweils anders betrachtet und aufs Neue gedeutet wird. Das neu gestaltete Judenbild besteht aber immer aus zwei Seiten, nämlich aus der dies- und jenseitigen: Das diesseitige Problem, welches durch die eigene These gelöst werden soll, kommt im »bösen«, weil antithetischen Juden, d.h. im spiegelbildlichen Anderen zum Ausdruck, während sich hingegen das utopische Jenseits in der Idealvorstellung vom Juden widerspiegelt. Diese Idealvorstellung zeigt also den Juden nicht so, wie er in der bisherigen, schlechten Gesellschafts- und Weltordnung ist, sondern, wie er laut den Grundsätzen der jeweiligen Weltanschauung sein soll. Nun wollen wir herausfinden, wie der Jude seine Rolle als Musterbeispiel im sozialistischen Gedankengut spielte und wie die sozialistische Idealvorstellung vom Juden dabei gestaltet wurde. Die beispielhafte Bedeutung der Judenfrage für den Sozialismus erklärte der jüdische Kommunist Otto Heller[86] in seinem 1931 erschienenen Untergang des Judentums: »Von entscheidender Bedeutung für die Arbeiterklasse ist jedoch die Lösung der Judenfrage durch den Sozialismus […] Keine Gesellschaftsordnung vermochte die Judenfrage, in welcher Gestalt immer sie in Erscheinung trat, aus der Welt zu schaffen. Mit allen sozialen und nationalen Widersprüchen und Konflikten bereitet der Sozialismus auch der Judenfrage, die im Bewußtsein der Völker als Erbe der Vergangenheit noch immer ihre Spuren zieht, ein Ende. Die Schöpferkraft des Sozialismus manifestiert sich nicht zuletzt in der Lösung des jüdischen Problems.«[87] Zu Hellers umfassendem Werk kehren wir späterhin noch zurück.
Ehe wir weitermachen, müssen wir noch die Frage beantworten, ob die sozialistischen Schriften zur abendländischen Judenfrage, mit denen wir uns im Nachfolgenden befassen, infolge des Holocaust, d.h. des fast völligen physischen Verschwindens derer, von denen die Rede in diesen Schriften ist, nicht an Bedeutung verloren. Blieb die sozialistische Lösung der Judenfrage angesichts des nunmehrigen weitgehenden Nichtvorhandenseins der Juden in der DDR noch in Geltung? Das Nazireich, welches der Erscheinung der proletarischen Diktatur in Mittel- und Osteuropa bekanntermaßen voranging, gelangte so zwar früher zur Vollziehung der eigenen Lösung als sie, aber die Grundsätze der sozialistischen Lösung blieben auch weiterhin in Kraft, einfach weil kein Abendländer das begriffliche Judentum – im Gegensatz zum physischen – verschwinden lassen kann;[88] infolge der physischen Ausrottung wurde das lebende Judentum, wie vorhin gesagt,[89] durch das tote ersetzt, denn das Judentum als eine kulturelle Grundlage der europäischen Kultur bleibt zwangsläufig bestehen, solange diese Kultur als solche besteht. Das ewige, weil axiomatische Problem verlor zwar äußerst viel infolge der physischen Vernichtung an Aktualität, aber die gedanklichen Grundsätze seiner nunmehr theoretischen Lösung gewannen umso mehr an Bedeutung, zumal in jener proletarischen Diktatur, die auf den Ruinen des Dritten Reiches im Allgemeinen und auf dessen Lösung der Judenfrage im Besonderen gegründet wurde und in welcher der ideologisch-sozialistische Bedeutungsstrom zudem durch zwei weitere, nämlich durch den allgemein abendländischen und den besonders deutschen verstärkt wurde, die wir beide oben geschildert haben.
Unsere Übersicht über dieses Thema sollen wir jetzt mit den gedanklichen Grundlagen der sozialistischen Lösung eröffnen, indem wir Karl Marxens zweiteilige Schrift zur Judenfrage[90] heranziehen, die in dem ersten und einzigen, 1844 in Paris erschienenen Doppelheft der deutsch-französischen Jahrbücher veröffentlicht wurde.[91] Zunächst stellt Marx die wechselhafte Natur der Judenfrage fest (Hervorhebungen im Original): »Die Judenfrage erhält eine veränderte Fassung, je nach dem Staate, in welchem der Jude sich befindet.[92] In Deutschland, wo kein politischer Staat, kein Staat als Staat existiert, ist die Judenfrage eine rein theologische Frage. Der Jude befindet sich im religiösen Gegensatz zum Staat, der das Christentum als seine Grundlage bekennt.[93] […] In Frankreich, in dem konstitutionellen Staat, ist die Judenfrage die Frage des Konstitutionalismus, die Frage von der Halbheit der politischen Emanzipation. Da hier der Schein einer Staatsreligion […] in der Formel einer Religion der Mehrheit beibehalten ist, so behält das Verhältnis der Juden zum Staat den Schein eines religiösen, theologischen Gegensatzes. Erst in den nordamerikanischen Freistaaten – wenigstens in einem Teil derselben – verliert die Judenfrage ihre theologische Bedeutung und wird zu einer wirklich weltlichen Frage.[94] Nur wo der politische Staat in seiner vollständigen Ausbildung existiert, kann das Verhältnis des Juden, überhaupt des religiösen Menschen, zum politischen Staat, also das Verhältnis der Religion zum Staat, in seiner Eigentümlichkeit, in seiner Reinheit heraustreten.«[95]
Im ersten Teil dieser Abhandlung geht es also um eine Teillösung der Judenfrage; das Judentum, welches im christlichen Staat eine re