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Dieser Text ist ein Kapitel aus: Die Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR Es handelt sich hier um die Online-Veröffentlichung der gleichnamigen Magisterarbeit, erforscht und geschrieben von: Yoav Sapir, die Hebräische Universität Jerusalem, 2004-2006 Klicken Sie auf folgenden Link, um zur Hauptseite dieser Online-Veröffentlichung zu gelangen: http://ostdeutsche.judenfrage.googlepages.com Dort finden Sie ein kurzes Vorwort und ein umfassendes Inhaltsverzeichnis. Alle Kapitel stehen notabene auch im PDF-Format zur Verfügung (optisch lesbarer und mit Seitenzahlen versehen). © 2004-2006 Yoav Sapir, alle Rechte vorbehalten |
Heben wir mit einer kurzen Darstellung unseres Themas an, um die dieser Arbeit zugrunde liegende Fragestellung klarzumachen, ehe wir auf ihren weiteren Zusammenhang eingehen.
Die überwältigende Mehrheit der ostdeutschen Staatsbürger kannte Juden nicht unmittelbar, da diese in der DDR kaum vorzufinden waren.[1] Trotzdem waren sich die Ostdeutschen der jüdischen Gegenwart[2] in der abendländischen Kultur im Allgemeinen (wenigstens mittels der biblisch-kulturellen Tradition) und in der deutschen Geschichte im Besonderen (als Opfer der Nazis, unter anderen Opfergruppen) zumindest einigermaßen bewusst. Selbst wer sehr wenig (ganz egal, ob Richtiges oder Falsches) zum Judentum wusste, stand unterm Einfluss der abendländischen und insbesondere deutschen Kultur, bei der der Jude eine sehr wichtige Rolle noch immer spielt: Es werden nämlich keine Kirchen mehr benötigt, damit dem Juden seine abendländische Rolle als der »Andere« schlechthin durch die Zeitenwenden hindurch auch weiterhin zugeschrieben wird.[3]
Während des vierzigjährigen Bestehens der DDR stellten die Juden eine schwierige Auslegungs- und daher auch Erklärungsherausforderung für das ostdeutsche Regime dar:[4] Einerseits wurde den Juden eine ausgesprochen günstige Rolle als »Opfer des Faschismus«[5] im Rahmen des antifaschistischen Gründungsnarratives der DDR zugeschrieben, andererseits eine entgegengesetzte Rolle als »faschistische« Zionisten, die in höchst problematischer Beziehung zum ebenfalls »faschistischen« Bonn standen. Das Luxemburger Wiedergutmachungsabkommen von 1952 erzeugte ein sehr negatives Image, welches infolge der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der BRD und dem Staate Israels[6] im Jahre 1965 und des israelischen Sieges im Sechs-Tage-Kriege 1967 noch verschlimmert wurde. Kurz gefasst: Die amtliche Judenpolitik der SED[7] war durch ständige Spannung zwischen Verneinung des Antisemitismus einerseits und scharfem Antizionismus andererseits gekennzeichnet.[8]
Die Bezugnahmen des SED-Regimes auf Juden – egal in welchem Zusammenhang – wirkten sich unbedingt auf diesen Zwiespalt aus und waren somit in der Lage, den ostdeutschen Staatsbürgern eine nach und nach entstandene, gewissermaßen amtliche Antwort auf die Frage »Wer und was sind die Juden?« zu geben. Solche Bezugnahmen, die aus dem – ob bewussten oder unbewussten, jedenfalls unvermeidlichen – Umgang des SED-Regimes mit dem jüdischen Thema hervorgingen, strebten natürlicherweise schon von selbst an, das schwer zu bewältigende Judentum[9], d.h. den Juden schlechthin in eine dem SED-Regime dienliche Stellung zu bringen, indem der besagte Widerspruch zwischen den beiden jüdischen Rollen während und nach der NS-Zeit gelöst wird. Diese Problematik ist die ostdeutsche Judenfrage, mit deren Beantwortung durch filmkünstlerische Mittel wir uns hier beschäftigen.
»[F]ilms […] not only reach a much larger audience than, say, speeches, conference papers, or books; they also tend to move and manipulate spectators in a more direct emotional way.«[10] Unter den Massenmedien erfreut sich die Filmkunst, ob im Kino oder dem Fernsehen, des größten Einflusses aufs Publikum und überbringt verborgene Botschaften am wirksamsten. Die Zuschauer empfangen und verinnerlichen die im Film versteckten und unausdrücklich vermittelten Vorstellungen, wodurch sie von der (angeblichen) Wahrheit der Botschaft – möglicherweise völlig unbewusst – überzeugt werden. Aus diesem Grunde wurde die Antwort auf die oben dargelegte Frage der kinobesuchenden Zuschauerschaft, ob absichtlich oder gar unbewusst,[11] durch filmische Geschichtshandlungen verhüllt gegeben. Die Zuschauer, welche größtenteils keinen Juden begegnet sind (geschweige denn bewusst), sahen jene Figuren bzw. Menschen, die als »Juden« bezeichnet wurden, auf der Leinwand und erlebten sie lebhafter und aufregender als durch alle anderen Kommunikationsmittel (Bücher, Zeitungen, Rundfunk usw.). Aus den Filmen lernte das Publikum, ob bewusst oder nicht, worum es bei den »Juden« geht: Wer diese Leute seien, wodurch sie sich von allen restlichen unterscheiden würden, kurzum: was für eine gemeinsame, d.h. jüdische Gruppenidentität sie hätten.[12] Ja: Schon deswegen, weil jüdische Figuren auf der Leinwand anwesend sind, gibt es irgendwelche jüdische Identität (ob eine oder mehrere), die dem Publikum – ob absichtlich oder nicht[13] – in den Spielfilmen gezeigt und vermittelt wird.
Alle ostdeutschen Filme wurden von der DEFA, der volkseigenen »Deutschen Film-Aktiengesellschaft«, hergestellt, die bereits 1946 unter Kontrolle der SMAD, der »Sowjetischen Militäradministration in Deutschland«, gegründet wurde und ihren Hauptsitz in Potsdam-Babelsberg hatte.[14] Ohne Rücksicht auf die Gründung der DDR im Jahre 1949 als eines sowjetischen Satellitenstaates waren die Filme der DEFA insofern für die Vermittlung der sozialistischen Botschaft mobilisiert, als sie den politisch-ideologischen Erwägungen der SED unterworfen waren, in deren Ermessen auch die Entscheidung über ihre Aufführung lag. War irgendein Film den Erwartungen der Parteifunktionäre nicht gerecht geworden, so wurde er ohneweiters zensuriert.[15] Es sollte hier das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED erwähnt werden, auf dem im November 1965 u. a. auch kritische Filme, die nach dem Mauerbau (zur Zeit der erhofften gesellschaftlichen und daher auch politischen Stabilität) für möglich gehalten wurden, immerhin angegriffen und verboten wurden. Wenigstens ähnliche, aber höchstwahrscheinlich noch ärgere[16] Umstände herrschten beim »Deutschen Fernsehfunk« (1952-72 und 1989-91)[17] bzw. »Fernsehen der DDR« (1972-89), von dem zwei der hierbei zur Diskussion stehenden Spielfilme ausgestrahlt wurden (die aber ebenfalls im DEFA-Studio für Spielfilme gedreht wurden). Aufgrund der sehr strengen Parteikontrolle, unter welcher die Herstellung und Aufführung bzw. Ausstrahlung der Filme gehalten wurden, sind die zu unserer Sache gehörigen Filme der DEFA imstande, von der Art und Weise zu zeugen, auf welche die SED die Herausforderung der ostdeutschen Judenfrage, also der jüdischen Gruppenidentität, bewältigte. Allerdings müssen wir stets bedenken, dass aus den Filmen der DEFA – so wichtig sie waren und so gut sie uns über das SED-Regime belehren können – selbstverständlich kein vollständiges Bild dieses Regimes erhalten werden kann, sodass unsere Erkenntnisse schließlich auf einen unter mehreren Aspekten bzw. Zweigen des SED-Staats beschränkt sein werden.
Im Grunde genommen gibt es drei Ebenen, auf denen sich das Thema erforschen lässt: zum Ersten die Repräsentationsebene, also die Darstellungsweise an sich, d.h. wie der Jude tatsächlich dargestellt wurde; zum Zweiten die Entstehungsgeschichte der Judendarstellung, also die Umstände, unter welchen das (bei der Erforschung auf der ersten Ebene herausgearbeitete) ostdeutsche Bild des Juden zustande kam;[18] und zum Dritten die Rezeptionsebene, also wie das filmische Bild des Juden beim Publikum aufgenommen wurde.
Im beschränkten Rahmen dieser Arbeit wird allein die auf der ersten Ebene befindliche Darstellungsweise des Juden, allerdings von einem historiographischen Blickpunkt aus aufgegriffen. Das ist also einerseits keine Entstehungsgeschichte, weil das für die Herausarbeitung der jüdischen Identität relevante Forschungsgebiet nicht hinter, sondern ausschließlich vor den Kulissen liegt.[19] Andererseits ist es auch keine Rezeptionsgeschichte, denn wir ziehen unsere filmisch-literarischen Quellen heran, um mithilfe ihrer Analyse nicht auf die Meinungen der ostdeutschen Bevölkerung hinunterblicken, sondern in die parteipolitische Lösung bzw. Entkräftung der ostdeutschen Judenfrage hinaufzuschauen. Diese weiteren, auf der zweiten bzw. dritten Ebene befindlichen Fragestellungen, auf welche hier nicht eingegangen werden kann, bleiben sohin künftigen Forschungen vorbehalten, wobei die Beantwortung der hiesigen Fragestellung den beiden anderen eher als Ausgangspunkt dienen soll, weil man ja zuallererst wissen muss, wie der Jude dargestellt wird, um anschließend danach fragen zu können, wie diese Darstellungsweise einerseits zustande kam und andererseits beim Publikum aufgenommen wurde.[20]
Unsere Fragestellung, welche (wie oben erklärt) die Darstellungsweise des Juden aufgreift, besteht nun aus den folgenden drei Fragen:
1. Die Leitfrage, die aus der oben dargelegten Problematik des jüdischen Themas in der DDR hervorgeht, lautet: Was für eine jüdische Gruppenidentität (d.h. Vorstellung des Judentums)[21] zeigte das SED-Regime der Bevölkerung der DDR implizit kraft des Massenmediums des Films?
2. Da unsere Leitfrage dem literaturwissenschaftlichen[22] Bereich angehört und an sich eher wenig zum Verständnis des Umgangs des SED-Regimes mit der ostdeutschen Judenfrage beizutragen vermag, muss sie unbedingt historisiert werden, weshalb die Ergänzungsfrage lautet: Wie lässt sich diese Antwort auf »Wer und was sind die Juden?« anhand des politisch-ideologischen Zusammenhanges in der DDR erläutern?
Die vorliegende Arbeit ist mithin insofern interdisziplinär, als filmisch- (im Gegensatz zu schriftlich-)literarische Texte von einem geschichtswissenschaftlichen Blickpunkt aus analysiert werden, um somit zu historiographischen Ergebnissen zu gelangen.
3. In Anbetracht der nationalsozialistischen Vergangenheit, von der die besondere Problematik des jüdischen Themas in der DDR ererbt wurde, wird manchmal behauptet, dass der Jude in der DDR entthematisiert wurde. Demzufolge taucht die folgende Auswertungsfrage auf: Zeugt das ostdeutsche Judenbild von Entthematisierung oder Umthematisierung des Juden in der DDR?[23]
Die Antwort auf unsere Leitfrage soll lauten, dass die in den Filmen gezeigte jüdische Gruppenidentität eine leere bzw. entleerte Identität ist. Die Juden sind dabei allen anderen gleich, d.h. ganz gewöhnliche Menschen, die sich genauso voneinander unterscheiden wie alle restlichen auf Erden. Früher, in der Vergangenheit, sollen sich die Juden wohl von den anderen durch die eigene Religion unterschieden haben, aber heutzutage, da sie von deren Fesseln befreit seien, seien sie nur noch ganz gewöhnliche Menschen, die keine Sondergruppe bilden möchten und auch keineswegs unterschiedlich zu sein bräuchten. Ganz im Gegenteil: In den Filmen wird ihnen der Unterschied (d.h. das Jüdischsein) von anderen, in der Regel von den Nazis, aufgezwungen. Die unterscheidende Betrachtungsweise des Juden sowie die daraus entstandene, grundsätzlich unterschiedliche jüdische Identität seien folglich nicht auf diejenigen, die für Juden gehalten werden, sondern auf ihre Verfolger, deren Köpfe mit wahnsinnigen Vorstellungen besetzt sind, zurückzuführen.
Die Erklärung dieses Ergebnisses, welche die zweite Frage beantwortet, ist eine zweifache. Zuallererst gab es mehrere, sowohl politische als auch ideologische Ursachen, aufgrund deren eine unterschiedliche jüdische Gruppenidentität für die SED ganz und gar unannehmbar war, sodass die leere bzw. entleerte Identität die einzig mögliche war. Darüber hinaus hatte diese Darstellungsweise des Juden auch Zwecke, d.h. Vorteile, die das SED-Regime aus diesem Judenbild ziehen konnte: Zum Ersten wurde der oben dargelegte Widerspruch zwischen den beiden ostdeutschen Rollen der Juden – einerseits als »Opfer des Faschismus«, andererseits als »faschistische Hebräer« – gelöst, da beide Gruppen nunmehr aus einfachen Menschen bestehen sollten, die keiner (jüdischen) Obergruppe zugehören sollten und denen nichts Besonderes gemeinsam sei. Zum Zweiten wurde das Judentum in eine dem SED-Regime dienliche Stellung gebracht, indem die nationalsozialistische bzw. »faschistische« Judenverfolgung und -vernichtung durch die »Auflösung« des Judentums verallgemeinert wurde; das falsch übersetzte »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« wurde somit richtig zu einem gegen die Menschheit, woraufhin der unlautere Lebenskampf zwischen den Nazis und den Juden verallgemeinert zu einer Art ideologischen Bürgerkrieges zwischen Faschisten und Menschen, d.h. schließlich zwischen Faschisten und Antifaschisten wurde. Durch die »Auflösung« des Judentums konnte also die nationalsozialistische Judenverfolgung und -vernichtung zugunsten des antifaschistischen Gründungsnarratives der DDR angeeignet werden.
Die Antwort auf die dritte und letzte Frage lautet, dass der Jude – zumindest im ostdeutschen Spielfilm – nicht entthematisiert, sondern umthematisiert wurde: Die verhältnismäßig häufige Vergegenwärtigung des Juden auf der Leinwand und die eher umfassende Aufarbeitung des Holocaust dienten dazu, das Vorhandensein des Juden als solchen abzusprechen und die früheren, dem Juden im Nationalsozialismus zugeschriebenen negativen Inhalte und Werte auf neutral umzustellen. Durch diese »entthematisierende Umthematisierung« wich das SED-Regime, das als die bessere Alternative zum Wiedergutmachungsdeutschland das jüdische Thema nicht liegen lassen konnte, dem bundesdeutschen Bewältigungsmuster aus. Die dieser Umthematisierung innewohnende Widersprüchlichkeit weist letztlich sowohl auf Kontinuität als auch auf Bruch mit der NS-Vergangenheit hin.
Im Rahmen dieser Arbeit wird manchmal zwischen der »Wirklichkeit« des ostdeutschen SED-Regimes einerseits und der »Fiktion« des ostdeutschen Spielfilms andererseits unterschieden; es wäre jetzt daher wohl am Platze, zu erklären, was damit gemeint ist. Zuallererst möchte ich aber klarstellen, dass ich hier keine erkenntnistheoretische Diskussion eröffnen möchte, da diese Arbeit ja kein philosophisches Thema aufgreift; die hiesige Erklärung zielt also nicht darauf ab, die Problematik zu lösen, sondern lediglich darauf, sie dem Leser näher zu bringen. Nun ist die »Wirklichkeit« des SED-Regimes letzten Endes ebenso fiktiv, d.h. abstrakt und ungreifbar, wie die »Fiktion« des ostdeutschen Spielfilms wirklich, d.h. physisch vorhanden ist. Die bei unserer historiographischen Erörterung herangezogenen Begriffe »Wirklichkeit« und »Fiktion« sollen nämlich nur im verhältnismäßigen Sinne, also als zwei sich ergänzende Gegenstücke bzw. Sichtweisen verstanden werden, wie im Folgenden erläutert wird.
Von einem philosophischen Gesichtspunkt aus ist der Spielfilm, der »als solcher«, d.h. als Filmspule oder VHS-Kassette greifbar ist, die eigentliche Wirklichkeit, während hingegen das SED-Regime, welches als solches, d.h. als die abstrakte Gesamtheit der Parteifunktionäre, Entscheidungsträger usw. vollkommen ungreifbar ist, eher die Fiktion bildet; vom hiesigen historiographischen Gesichtspunkt aus – das will sagen: was die hierbei empirisch herauszuarbeitende »jüdische Identität« betrifft – ist aber der greifbare Spielfilm, wo die dargestellten »Juden« nur Figuren sind, eine reine Fiktion, wobei das freilich ungreifbare SED-Regime, welches die Darstellung des Juden zustande brachte und dessen Idealvorstellung vom Judentum diese Darstellung widerspiegelt, doch als wirklich gilt. Im Grunde genommen wird hier also zwischen der filmischen Traumwelt und der politisch-ideologischen Außenwelt unterschieden: Die als Film noch physisch vorhandene Traumwelt, die aber aus Idealvorstellungen besteht, ist von ihrem Inhalt her fiktiv, während das zwar abstrakte SED-Regime, welches aber die filmische Traumwelt herstellte und für sie verantwortlich war, von seinem politisch-ideologischen Vorhandensein her wirklich war.
Zugegebenermaßen ist jedoch auch die »Politik« oder die »Ideologie« als solche – also abgesehen von den Blättern, auf denen die Wörter geschrieben stehen, die wir als »Politik« bzw. »Ideologie« begreifen – völlig fiktiv; von der »Wirklichkeit« des SED-Regimes kann somit nur insofern die Rede sein, als wir sie überhaupt begreifen können. Demgegenüber gibt es aber immerhin auch keine »Fiktion«, denn bereits die Tatsache an sich, dass wir uns das Fiktive vorstellen können, diese Fiktion zu einem Stück gedanklicher Wirklichkeit macht; deshalb können wir die fiktive Traumwelt des ostdeutschen Spielfilms doch empirisch untersuchen. Es ist also gerade diese Spannung zwischen »fiktiver Wirklichkeit« und »wirklicher Fiktion«, welche zur obigen Feststellung führt, dass es sich hier um einen nur verhältnismäßigen Gegensatz, d.h. um zwei sich ergänzende Sichtweisen handelt – kurzum, dass selbst die Unterscheidung zwischen »Wirklichkeit« und »Fiktion« physisch völlig fiktiv, aber gedanklich sehr wirklich ist.
Zwischen diesen beiden unerreichbaren Endpunkten scheint sich nun alles, zumindest alle Abstrakta (darunter, notabene, auch »alles«) zu befinden. Nicht zuletzt gilt das also auch für den im Nachfolgenden besprochenen Identitätsbegriff: Ist die jüdische Gruppenidentität, die wir empirisch aus dem filmischen Text herausarbeiten werden, »greifbar«? Ist die »Identität« schlechthin »wirklich« oder »fiktiv«? Die Antwort auf diese und ähnliche Fragen hängt nur vom jeweiligen Blickpunkt ab; oben habe ich versucht, den im Rahmen dieser Arbeit gültigen Blickpunkt zu erklären.